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punktierte Linie

Eine Frau mit Eigenschaften

Von Irene Heisz | Die berechtigte ausgezeichnete Nachrede für Barbara Prammer stellt gleichzeitig der österreichischen Politik im Allgemeinen ein miserables Zeugnis aus.

Selbst wenn man nüchtern einrechnet, dass ein Mensch selten so schlecht ist wie seine Nachrede zu Lebzeiten und noch seltener so gut war wie das, was ihm am offenen Grab nachgesagt wird, muss man feststellen: Die Trauer über den frühen Tod von Nationalratspräsidentin Barbara Prammer ist groß; viele, viele Wortmeldungen auch von Vertreterinnen und Vertretern anderer Parteien als der SPÖ klingen nicht nach routinierten Beileids- und Betroffenheitsphrasen, sondern echt. Und sie ähneln einander auffallend.

Von Frau Prammers Leidenschaft für die Demokratie und den Parlamentarismus ist da meistens die Rede, von ihrer entschlossenen antifaschistischen Haltung, von Beharrlichkeit und großer persönlicher Bescheidenheit, von der Fähigkeit, konziliant und gleichzeitig konsequent zu sein, von vermeintlich unerschöpflicher Energie, von Aufrichtigkeit und aufrichtiger Herzlichkeit. Sie hat, wird vollkommen zu Recht betont, nie den Bezug zum wirklichen Leben durchschnittlicher Menschen verloren (und es schwingt mit: … obwohl sie die meiste Zeit ihres erwachsenen Lebens als Berufspolitikerin in hohen und höchsten Ämtern tätig war). Sie war selten laut oder gar aggressiv, aber so gut wie immer klar. Und sie hat als geistige Tochter Johanna Dohnals mit der größten

Meinung

Selbstverständlichkeit für den Feminismus gelebt.

Es herrscht weitgehend Einigkeit: Die kleine, zierliche Frau hat großen Eindruck gemacht und hinterlässt eine riesige Lücke in der politischen Landschaft Österreichs. Sie wäre die logische Nachfolgerin Heinz Fischers als erste Bundespräsidentin des Landes gewesen.

Dem ist mit aller Entschiedenheit zuzustimmen. Aber die Tatsache, dass all diese Eigenschaften als besondere Merkmale hervorgehoben werden, ist nicht nur Ausdruck des Respekts vor einer Verstorbenen, sondern auch hochgradig alarmierend. Die vielen lobenden Worte für Barbara Prammer bedeuten nämlich im Umkehrschluss: Es ist alles andere als selbstverständlich und ansonsten offenbar nur selten anzutreffen, dass österreichische Politikerinnen und Politiker den Parlamentarismus und die Demokratie ernst nehmen, dass sie unprätentiös, bescheiden und herzlich sind, dass sie auch mit Angehörigen anderer Parteien sachlich zusammenarbeiten wollen und können, dass sie den Antifaschismus und den Feminismus gleichermaßen konsequent leben… das ist ein Grund für Betroffenheit, der weit über den unmittelbaren traurigen Anlass von Barbara Prammers Tod hinausweist.