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punktierte Linie

Pathos?
Ja bitte!

Von Irene Heisz | Eine Hymne muss in erster Linie hymnisch sein. Was auch sonst.

Vergessen wir einmal, dass die absurdesten politischen Ideen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit stets aus ein und derselben Ecke kommen. Zu fordern, die immer noch schwachbrüstige Europaregion Tirol-Südtirol-Trentino möge gefälligst am Andreas-Hofer-Lied genesen, kann wirklich nur der FPÖ einfallen. Der politisch und ästhetisch jenseitige Schmus, dass sich bei offiziellen Tiroler Anlässen immer noch „Ganz Deutschland, ach, in Schmach und Schmerz“ winden muss, ist schon für Bürgerinnen und Bürger des Bundeslandes Tirol eine hart erträgliche Peinlichkeit, für Südtirol und das Trentino aber eine revanchistische, indiskutable Zumutung.

Vergessen wir, dass man sich, wenn es denn schon sein muss, einen etwas gehaltvolleren Anlass als die provokant sexistische Fehlleistung eines Andreas Gabaliers gewünscht hätte, um die Büchse der Pandora zu öffnen. Vergessen wir auch all die schlecht gezielten Profilierungsschnellschüsse von politischem oder sich zur Dichtkunst berufen fühlendem Personal, das der so genannte Hymnen-Streit auf den Plan gerufen hat – flankiert von Hunderten und Aberhunderten Internet-Postings zum selben Thema mit Variationen: Ist doch sowieso nicht mehr zeitgemäß, so eine Hymne. Is eh wurscht. Und: Haben wir denn keine wichtigeren Probleme?

Wenn nicht die Qualität, dann jedenfalls die Quantität der Wortmeldungen widerspricht der behaupteten Irrelevanz von Hymnen. Behalten wir deshalb im Hinterkopf: Es ist eine Merkwürdigkeit, aber tendenziell kein Zufall, dass wir in einem vereinten Europa, dessen immanenter Sinn und Zweck die Überwindung der Nationalstaaten ist, über Sinn und Unsinn von National-, Landes- und Regionalhymnen diskutieren. Und es ist ebenso merkwürdig, aber ebenso wenig Zufall, dass wir das in einer Zeit tun, in der die Autorität von Institutionen aller Art (Staat, Kirche, Parteien, Gewerkschaften) immer noch kleiner wird, wir uns aber gleichzeitig an den traditionellen Symbolen dieser Institutionen zu einer schier maßlosen Erregung hochschaukeln.

Betrachten wir das Hymnen-Thema also zur Abwechslung einmal abseits aktueller Vorkommnisse. Wie muss eine Hymne sein? In erster Linie und

Meinung

unbedingt… hymnisch. Das bedeutet für die musikalische wie die textliche Gestaltung des Opus: feierlich (aber nicht unbedingt getragen), begeistert und begeisternd, die Schönheiten des besungenen Fleckens Erde preisend und die charakterlichen Vorzüge seiner Menschen beschönigend, den Hörgewohnheiten der jeweiligen Kultur entsprechend harmonisch. Pathetisch im aristotelischen Sinn, also überzeugend und emotional aufgeladen? Aber sicher! – Kitschig? Nicht notwendigerweise!

Sind Hymnen noch zeitgemäß? Selbstverständlich. Institutionen brauchen Symbole, Gemeinschaften brauchen Erkennungszeichen – das gilt für „You’ll never walk alone“ im Fußballstadion des FC Liverpool genauso wie für das „Land der Berge, Land am Strome“ und „the land of the free and the home of the brave“. Gut gemachte Musik ist ja, no na!, ohnedies zeitlos, gut gemachte Texte sind es im Grunde auch – mit der Einschränkung, dass sie im Wandel der Zeiten unter Umständen ihre Gültigkeit und Relevanz verlieren können. Im Fall von Nationalhymnen wird das am augenfälligsten, wenn sich Regierungsformen ändern. Sollte zum Beispiel England je das Haus Windsor zusperren, wird sich „God save the Queen“ kaum halten. Aber eine Hymne wird England garantiert dennoch haben.

Was also muss eine Hymne können? Sie dient zur Identifizierung eines Staates oder einer Region gegenüber anderen Ländern und Regionen; gleichzeitig ist ihr Zweck aber auch nach innen gerichtet, die zumindest erwünschte Möglichkeit, sich mit der geographischen und/oder seelischen Heimat zu identifizieren. Das geht nicht mit verkopfter, semantisch allzu penibel differenzierender Rhetorik, dafür braucht es handfeste Emotion. Es ist weder politisch nötig noch intelligent, die Möglichkeit nicht zu nutzen, mit Hilfe eines gemeinsamen Liedes Gemeinschaft zu stiften oder wenigstens den Wunsch danach zu beschreiben. Und das Ansprechen von liebevollen Gefühlen für Orte und Gemeinschaften, denen man sich zugehörig fühlt, ist auch nicht von vornherein verdächtig oder abzulehnen. Entscheidend ist, dass die Emotionen integrierend und nicht ausgrenzend wirken – und dass sie nicht mit einem Appell an niedere Instinkte gleichgesetzt werden.