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Das unerträgliche Binnen-I

Von Irene Heisz | Die Regierung soll den „Transport feministischer Anliegen“ einstellen, fordern 800 Österreicherinnen und Österreicher in einem Offenen Brief.

Schon interessant, wie schnell der Mensch in Österreich zum „Sprachkritiker“ avanciert. Und mit welcher Qualifikation. Wenn man die Liste derer überfliegt, die in einem Offenen Brief die Zerstörung der „gewachsene(n) Struktur der deutschen Sprache bis hin zur Unlesbarkeit und Unverständlichkeit“ anprangern, wird schnell klar: Es genügt die Fähigkeit, sich online für bzw. gegen etwas zu deklarieren. Da sind, wahllos herausgegriffen: eine Immobilienmaklerin aus Wien, ein „Historischer Schriftsteller“ (was immer das sein mag) aus Beromünster, eine Bank-Innenrevisorin aus Herzogenburg, ein Tischler aus Neidling, ein Tapezierermeister aus Fehring und ganz, ganz viele Prof. und Univ.-Prof. und em. o. Univ.-Prof., Dipl.-Päd., FL, FOL, StR, OStR, VS-Lehrerinnen und -Lehrer, Dr., Dr. h.c., Mag. und MMag. … zusammengefasst: haufenweise akademisch gebildete und reichlich titelbehangene Lehrkräfte beiderlei Geschlechts; tätig (sofern nicht i. R.) an allen Bildungseinrichtungen vom Kindergarten bis zur Hochschule und in allen Unterrichtsfächern von Turnen bis – ja, tatsächlich auch – Deutsch.

Um es mit dem berüchtigten Damenweltschätzer Andreas Gabalier zu sagen: Holladero! Schnaufen wir einmal kurz kräftig durch.

Und dann schauen wir uns näher an, welche Art von Unmut insgesamt 800, teilweise prominente Frauen und Männer bei Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek und Wirtschafts- und Wissenschaftsminister Reinhold Mitterlehner deponiert haben: Es geht ganz sicher nicht um Sprachkritik, wie u.a. der Kurier missinterpretiert (hier zu finden), sondern um Kritik am so genannten Gender-Mainstreaming, also an der bewussten Betonung und Hervorhebung von weiblichen Sprachformen in offiziellen Texten aller Art, von Gesetzen bis zu Schulordnungen.

Was die Damen und Herren fordern? „Der Verständlichkeit von Texten durch die traditionsgemäße Anwendung verallgemeinernder Wortformen muss wieder Vorrang vor dem Transport feministischer Anliegen eingeräumt werden.“

Womit wir hurtig zu des Pudels Kern vorstoßen: Der „Transport feministischer Anliegen“ also ist es, dem die Regierung den Garaus machen soll. Weil nämlich Wörter zum Beispiel mit einem Binnen-I hässlich ausschauen und es Menschen mit nichtdeutscher Muttersprache noch schwieriger machen, als es ohnehin ist, Deutsch zu lernen. Außerdem gibt es ja schließlich auch grammatikalisch weibliche Wörter wie „Person“, die auch Männer bezeichnen. Und überhaupt: „die traditionsgemäße Anwendung“ der Sprache…

Wenn ich mir die Mühe mache, die Epistel einer

Meinung

Textkritik zu unterziehen, ist festzuhalten: Hier werden philologische bzw. linguistische Argumente mit politischen Ansichten vermischt und zu allem Überfluss noch mit ästhetischen Kriterien garniert, die auf der angeblich unüberhörbaren Stimme des Volkes basieren. Nur nebenbei bemerkt: Es gibt kaum ein unpassenderes, übrigens sehr traditionelles Beispiel als „die Person“, um die Beweisführung der Briefschreiberinnen und -schreiber zu untermauern. „Person“ kommt vom lateinischen Verb „personare“, was „durchtönen“ bedeutet und in der Nominalform „persona“ ursprünglich die Maske bzw. Larve der Schauspieler im antiken griechischen Theater bezeichnete. Auf die Bühne durften bekanntlich nur Männer, die eben bei Bedarf auch Frauen spielten. Insofern muss ich mich korrigieren: „Person“ ist ein absolut aussagekräftiges Argument. Aber gegen die Meinung der Briefe schreibenden Personen.

Es ist methodisch unzulässig, unlauter und auch verblüffend, dass Univ.-Prof., OStR und wie sie alle heißen, die sich sonst als intellektuelle Elite des Landes fühlen und gerieren, plötzlich machtvoll ihre geistige Verbundenheit mit Tapezierermeistern, Bank-Innenrevisorinnen und Immobilienmaklern spüren. Man könnte das als irrelevant und sogar ein wenig lächerlich abtun, wenn es nicht ausgerechnet in einer Zeit passierte, in der Ministerin Heinisch-Hosek Morddrohungen bekommt und mit übelsten Beschimpfungen überschüttet wird, weil sie besagten Herrn Gabalier an die Erwähnung von Österreichs Töchtern in der Bundeshymne erinnert.

Die Anhängerinnen und Anhänger dieses Herrn argumentieren übrigens häufig ähnlich schlüssig wie die Verfasserinnen und Verfasser des Offenen Briefes: Nur schiache, frustrierte Emanzen haben es nötig, auf ihrer Sichtbarkeit im öffentlichen Sprachgebrauch zu bestehen. Richtige (= schöne, fügsame, von richtigen Männern beglückte) Frauen fühlen sich stets dankbar mitgemeint, wenn von Lehrern, Briefschreibern, Söhnen die Rede ist.

Zur Ehrenrettung der Briefschreiberinnen und -schreiber muss erwähnt werden, dass irgendwo im Text auch der Vorschlag steht: Männliche und weibliche Formen sind auszuschreiben, wenn von Männer und Frauen die Rede ist. Das ist grundvernünftig, geht aber im ohrenbetäubenden Brüllen des Backlash-Orkans unter, der gerade über Österreich tobt. Und es ändert nichts daran, dass sich die Männer und Frauen, die hinter dem Offenen Brief stehen, mit dem furchterregenden Bodensatz beiderlei Geschlechts gemein machen, der Morddrohungen absondert.

Ja, wir haben tatsächlich ein politisches, ein ästhetisches und ein diskursives Problem in Österreich. Aber das Problem-Konglomerat besteht definitiv nicht darin, dass die sprachliche Unbeholfenheit eines Binnen-I unerträglich wäre.