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punktierte Linie

Geh fliag ou, what the fuck?

Von Irene Heisz | Andreas Gabalier findet, dass das österreichische Strafgesetzbuch für ihn keine Relevanz hat. Das ist nicht sein einziger Irrtum.

Lange hat das ja nicht gedauert, bis der „Volksrock’n’Roller“ dem Sonnenkönig-Syndrom erlegen ist: L’État, c’est moi! – Der Staat bin ich. Und auf die Gesetze, die dieser republikanische Kasperlverein Nationalrat beschließt, pfeife ich.

Andreas Gabalier hat letzten Sonntag vor dem Formel-1-Rennen in Spielberg als Staatskünstler die österreichische Bundeshymne vorgetragen und dabei unterschlagen, dass Österreich auch die Heimat großer Töchter ist. Absichtsvoll, wie der steirische Sänger und Musiker seither nicht müde wird, trotzig zu betonen. Weil: Ihm doch wurscht, ob der Text laut Gesetz seit 2011 „Heimat großer Töchter, Söhne“ zu lauten hat. Im Internet sind alle voll für ihn. Mit Politik hat das alles rein gar nichts zu tun. Und außerdem „schätze“ er „die Damenwelt“ sehr.

Argumentativ schlittert Herr Gabalier in seinem Salonsteirer-Anzug da sehr unelegant auf ziemlich dünnem Eis dahin. Das Wesen einer parlamentarischen Republik besteht nun einmal darin, dass sich der einzelne Staatsbürger die einzelne Staatsbürgerin eben nicht nach Lust und Laune aussuchen kann, welche Gesetze er/sie einhält und welche nicht. Mag sein, dass man das als Popstar zwischendurch vergisst, wenn man sich daran gewöhnt hat, allabendlich vor Zigtausenden im Takt klatschenden, euphorisch kreischenden Menschen zu stehen, die auf Aufforderung auch alle gemeinsam Kopfstand (oder Schlimmeres) machen würden. Eine Entschuldigung für die verblüffend arrogante Selbstüberschätzung, mit der sich Gabalier als über den Gesetzen schwebend einstuft, ist das allerdings nicht.

Apropos Gesetzgebung: Glücklicherweise ist „das Internet“ (noch) nicht die Legislative. Sich auf anonyme, pöbelnde, immer nur vermeintliche Mehrheiten „im Internet“ zu berufen, ist in jeder Hinsicht dumm und gefährlich. Und was sonst als hochpolitisch sollte die noch lange nicht befriedigend zu Ende geführte Debatte um die Sichtbarmachung von Frauen im öffentlichen Leben denn sein? Auch wenn Gabalier es nun selbstgefällig gern so darstellen möchte: Den Frauen ihren Platz im offiziellen Lied des Staates Österreich zu verweigern, ist kein heroischer Akt des zivilen Ungehorsams gegenüber einem Unrechtsgesetz, sondern lediglich die Selbstentlarvung eines jungen Mannes, der sich in einer rückwärtsgewandten Attitüde einzementiert.

Womit wir bei der Wertschätzung wären, die der Meister des populärmusikalischen Eklektizismus (= laut Duden: „unoriginelle, unschöpferische geistige oder künstlerische Arbeitsweise oder Form, bei der Ideen anderer übernommen oder zu einem System zusammengetragen werden“) für sich reklamiert.

Meinung

Keine Frage, Gabalier schätzt Frauen außerordentlich. Halt auf eine machoide, patriarchale Art und ausschließlich in ihrer niedlichen, pflegeleichten, appetitlich in modische Mini-Dirndln verpackten Form. Etliche Prachtexemplare dieser Gattung hat man übrigens auch beim Spielberg-Grand-Prix als devote Dekoration für die Testosteron-Manderln hinter den Lenkkonsolen ins Gelände drapiert. Das nennt man dann wohl Markenpflege. Geschlechtergerechtigkeit? Um es in der Gabalier-gerechten steirisch-englischen Sprache auszudrücken: Geh fliag ou, what the fuck?

Herr Gabalier versorgt uns dankenswerterweise (?) seit Jahren selbst mit zahlreichen Beispielen für sein reaktionäres Frauen- und Männerbild (Warnung: Der Inhalt der folgenden Zeilen kann sensiblere Gemüter verstören). Die „Zuckerpuppen“ zum Beispiel, die Gabalier in einer Hommage an die Fünfzigerjahre des vorigen Jahrhunderts besingt, „hob’n High Heels an und ans nur im Sinn“. Ja, exakt das, was Sie jetzt denken, nämlich „Ei… Ei… Eis lutschen“.

Ansonsten fieberphantasiert der Mann, dessen Mikrofonständer routinemäßig mit einem Hirschgeweih geschmückt ist, auch gern einmal halb kindisch, halb zoophil von „Sweet Rehlein“: „Du liabes Weiberl, woart a bissal, bleib doch amol stehn. I muass dir noch a Bussal gebn und daunn loss i di gehn.“

Falls Sie noch können, hätte ich hier noch ein extra schönes Beispiel für die Gabalier’sche Wertschätzung gegenüber Frauen (wenn Ihnen allerdings eh schon schlecht ist, überspringen Sie diesen Absatz einfach): „Fesche Madln“, weiß Gabalier zu berichten, „brauchn flotte Buam. Hollero.“ Und weiter im Text: „Des kloane Mäderl war nix gschamig und setzt sich auf den Buam drauf. Und sie mocht des erste Knopferl von ihrm engen Bluserl auf.“

In Artikel 248, Paragraph 2, des Österreichischen Strafgesetzbuches heißt es: „Wer … die Bundeshymne oder eine Landeshymne beschimpft, verächtlich macht oder sonst herabwürdigt, ist mit Freiheitsstrafe bis zu sechs Monaten oder mit Geldstrafe bis zu 360 Tagessätzen zu bestrafen.“ Nun hat Gabalier zwar nicht eigentlich die Bundeshymne herabgewürdigt und verächtlich gemacht, sondern nur die Mehrheit der österreichischen Bevölkerung. Dafür gehört der Mann mit nassen, von mir aus auch gern rustikal karierten Schnäuztiachln geprügelt, aber darauf steht anscheinend keine Verwaltungsstrafe. Schade, eigentlich: 360 Tagessätze wären bei Gabaliers Einkommensverhältnissen eine sehr erhebliche Summe, mit der das eine oder andere Frauenhaus viel anzufangen wüsste. Hollero.