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42 oder Die Kalkkögel-Farce

Von Irene Heisz | Im Streit um den „Brückenschlag“ zwischen der Axamer Lizum und der Schlick geht es nicht um zwei Liftstützen. Sondern um die Zukunft des Landes.

Die Antwort auf die Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest? Der Supercomputer in Douglas Adams kultiger Science-Fiction-Farce „Per Anhalter durch die Galaxis“ braucht immerhin siebeneinhalb Millionen Jahre, um die Antwort zu finden und auszuspucken.

Tirols Touristiker mit der ÖVP im Schlepptau (oder umgekehrt) brauchen indes nie auch nur eine Sekunde Bedenkzeit, um die ultimative Antwort auf alle Fragen zur Zukunft des Tourismus, echte oder eingebildete Probleme und den ganzen Rest zu geben. Sie lautet: „Ein neuer Lift muss her!“

Im täglich akuter werdenden Fall des heftig umstrittenen Zusammenschlusses der Skigebiete Axamer Lizum und Schlick 2000 im Stubaital lautet die beschönigend-verharmlosende Sprachregelung „Brückenschlag“. Wer kann schließlich etwas gegen eine Brücke haben, die die Leut’ zammbringt? Wie nicht anders zu erwarten, sammeln die Befürworter zurzeit eifrig ihre Truppen für den Generalangriff auf das Ruhegebiet Kalkkögel. Hochrangige ÖVP-Funktionäre von der Haller Bürgermeisterin und VP-Bezirkschefin Eva Posch bis hin zum Raumordnungslandesrat Johannes Tratter versuchen sich an Probeschüssen aufs gar nicht mehr so ferne Ziel. Motto: Wenn mir ein Gesetz nicht in den Kram passt, mache ich eben so lange Druck, bis es geändert wird.

Und die Grünen, die gegen den Zusammenschluss waren und immer noch sind? Stehen zwar vereint mit dem Oesterreichischen Alpenverein grimmig entschlossenen Blickes und unter ständigen Verweisen auf die geltenden Gesetze felsenfest da – aber nicht dort, wo die Musik spielt: Die Causa Kalkkögel wird explizit außerhalb des schwarz-grünen Koalitionsvertrages abgehandelt werden; das heißt, die ÖVP kann – und wird! – sich im Landtag eine Mehrheit abseits ihres Regierungspartners suchen.

Es ist kein Zufall, dass der Streit um den „Brückenschlag“ längst symbolhaften Charakter angenommen hat. Im Grunde geht es nämlich nicht darum, ob ein Naturschutz-Ruhegebiet durch zwei Liftstützen grob geschändet oder doch in bloß minimaler Weise beeinträchtigt wird. Hinter dem Konflikt stehen zwei grundverschiedene

Meinung

Weltanschauungen, wohin sich Tirol in näherer Zukunft entwickeln soll.

Die eine Seite, vereinfacht ausgedrückt: die Seilbahn-Gläubigen, sucht ihr Heil darin, auch noch den letzten Flecken unerschlossenes Land zu verbauen. Das haben wir in Tirol immer schon oder zumindest seit zwei Generationen so gemacht. Das hat uns auch noch in den hintersten Tälern Wohlstand und verlässlich wachsende Nächtigungszahlen gebracht. Warum sollten wir Experimente mit ungewissem Ausgang wagen? Warum uns den Kopf über neuartige, ganz andere Tourismuskonzepte zerbrechen, wo wir doch mit der jährlichen Berechnung von Nächtigungsrekorden vollkommen ausgelastet sind? Warum sollten wir uns wider unsere Vorväter versündigen, indem wir darüber nachdenken, notfalls das eine oder andere wirtschaftlich untragbar gewordene Skilift-Denkmal einfach stillzulegen? Und haben wir schon erwähnt, dass wir das immer schon so gemacht haben?

Die andere Seite, die Naturschutz-Fraktion, hat zwar auch noch keine innovativen und wirtschaftlich verwertbaren Lösungen, beäugt aber mit stetig wachsender Skepsis das Problem hemmungslosen Wachstums im herkömmlichen kapitalistischen Sinn. Und sie verweist korrekt, aber ein wenig naiv auf Gesetze, statt ihrerseits offensiv auch für Wirtschaftsbetriebe attraktive Alternativen zu entwickeln und zu forcieren.

So verkommt eine tatsächlich zentrale Zukunftsfrage für das Land Tirol zu einem auf niedrigem Niveau geführten Kleinkrieg um einen einzelnen Lift. Traurig. Und fahrlässig.

Douglas Adams, der legendäre britische Autor, hatte die Idee zu seinem Welterfolg „The Hitchhiker’s Guide To The Galaxy“ nach eigenen Angaben in den Siebzigerjahren, als er eines Nachts auf das Angenehmste betrunken von „a couple of stiff Gössers“ in einem nicht näher bezeichneten Feld nahe Innsbruck lag und den Sternenhimmel bewunderte. Die Antwort seines Supercomputers „Deep Thought“ auf die Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest lautet, wie Douglasianer in aller Welt wissen: „42“. Auch das ist vollkommen unsinnig. Aber im Gegensatz zu „Ein neuer Lift muss her!“ wirklich lustig.