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punktierte Linie

Liebe
Geldsäcke!

Von Irene Heisz | Der angebliche Bettelbrief des hochlöblichen Herrn Vizekanzlers und Finanzministers an Österreichs Reiche war natürlich eine plumpe Fälschung. Hier lesen Sie den wirklich wahren Brief von Michael Spindelegger.

Sehr geehrte Damen und Herren Millionäre,
liebe Geldsäckinnen und -säcke,

hier spricht euer Vizekanzler und Finanzminister. Und ich muss euch jetzt einmal in der unnachahmlichen Eleganz, die ihr von mir gewöhnt seid, fragen: Seid’s ihr wo ang’rennt? Hat’s das echt gebraucht, dass ihr mir ausgerechnet übers profil, dieses Nest linker Medienbazillen, ausrichtet, dass ihr Steuern auf eure Vermögen zahlen wollt? Ich mein’, ich habe weiß Gott Verständnis für Masochisten, meine Betroffenheitskompetenz muss erst einmal ein anderer zusammenbringen. Aber dieser Sturm auf die Barrikaden des Finanzministeriums ist doch wirklich nicht nur ein Witz, sondern auch so was von undankbar uns von der Österreichischen Volkspartei gegenüber.

Habe denn nicht ich höchstpersönlich die Wirtschaft entfesselt? Und tun wir von der Österreichischen Volkspartei denn nicht alles für euch, unsere einzig wahre Kernklientel (vergesst das mit den Bauern und den Mittelständlern, das ist nur rhetorische Kosmetik)? Wir machen euch doch das Leben in direkter geistiger Erbfolge der feudalen Monarchie seit Jahrzehnten wirklich so angenehm wie möglich. Ich sage nur: Bankgeheimnis. Stiftungswesen! Höchste Schonung für euer Geld und eine eiserne Diskretion, gegen die der Vatikan ein Lercherl ist!!

Sorgen wir denn nicht wie eine anständige Mutter, die mindestens 15 Jahre lang zu Hause bei ihren drei bis vier Kindern bleibt, dafür, dass eure Erben in den Gymnasien weiterhin unter sich bleiben können? Dass euresgleichen möglichst nicht mit dem peinlichen Anblick von ausgemergelten Start-Ziel-Verlierern belästigt wird, die es in diesem Leben zu nix bringen werden, weil sie sowieso nichts haben und wir ihnen auch noch so viel, wie es nur irgendwie geht, von ihren Löhnen und Gehältern wegsteuern, bevor sie das Geld überhaupt sehen?

Umverteilung? Dass ich nicht lache! Ist das etwa unsere Schuld, dass die sozial Schwachen so, so… sozial schwach sind? Und ist euch irgendwie fad oder habt ihr sonst einen für halbwegs vernünftige Konservative nachvollziehbaren Grund, auf diesen Modetrend aufzuspringen wie auf ein Polo-Pony?

Überlegt doch einmal, welchen Tsunami an gesellschaftspolitischen Kollateralschäden das auslösen würde, wenn urplötzlich zwei Milliarden Euro in meiner Portokasse wären, von denen ich

Meinung

dem Volk gerade mit der mir eigenen Überzeugungskraft eingeredet habe, dass wir sie nicht haben. Soll ich das Geld etwa der Heinisch-Hosek vom Bildungsministerium in den Rachen werfen, damit die rote Brut doch mehr Ganztagsschulen einrichten und die Staatskeimzelle Familie weiter unterwandern kann?! Und habt ihr auch nur eine Sekunde darüber nachgedacht, was dieser Triumph der roten Gfrieser für meine künftige Kanzlerschaft bedeuten könnte? Ich bin kein totaler Dodel. Ich wirke nur so. Und es ist beileibe nicht so, dass ich nicht eine kühne Strategie zur Eroberung der Herrschaft in Österreich und zur Wiedereinführung der Fünfzigerjahre hätte, einen mit geradezu machiavellistischer Akribie durchdachten Plan, also ich meine: fast ganz sicher haben könnte, wenn mich nicht die eigenen Leute ständig … aber lassen wir das.

Ich sehe ja ein, dass man ein Ventil braucht, wenn sich der Gutmenschen-Trieb über Jahrzehnte in einem anstaut. Als Obmann unserer christlich-sozialen Wertegemeinschaft weiß ich schließlich, wie effektiv so ein Ablass wirken kann. Aber wenn ihr schon mit Geld um euch schmeißen müsst, statt es standesgemäß zum Anzünden von Zigarren zu verwenden, dann gebt es meinetwegen den Universitäten. Denen geht’s zwar eh so gut, dass die Studenten nur das eigene Klopapier und nicht auch noch Öl zum Heizen mitbringen müssen. Aber von mir aus, tut, was ihr nicht lassen könnt, und sorgt dafür, dass als kleiner Dank beizeiten eine Aula oder wenigstens ein Seminarraum nach euch benannt wird. Und wenn das immer noch nicht reicht, um eure mildtätigen Anwandlungen zu befriedigen, dann sucht euch ein ordentlich armseliges Bloßfüßigen-Land möglichst weit weg aus und spendet was für die guten Leutchen dort, damit die gar nicht erst auf die Idee kommen, sich in Nussschalen zu setzen und nach Lampedusa aufzubrechen. Ist auch viel effektiver: Für das Geld, das bei uns das Klopapier für die Universitäten kostet, kann man dort eine ganze Schule bauen und auch noch einen Tschüppel Kinder jahrelang durchfüttern.

Kurz und gut: Wenn es euch nicht mehr genügt, bei Charity-Turnieren Golf für den Weltfrieden zu spielen, dann macht mit eurer Kohle doch, was ihr wollt – aber lasst’s bloß mich ang’lahnt.

Euer
Michael Houdini Spindelegger,
Vizekanzler und Finanzminister der Republik Österreich