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punktierte Linie

Kleingeistig
in großem Stil

Von Irene Heisz | Die Bürgermeisterinnen-Liste Für Innsbruck, ÖVP und FPÖ wollen den öffentlichen Alkoholkonsum in Innsbruck reglementieren. Eine wirklich schöne Idee, aber leider viel zu kurz gedacht.

Zugegeben: Ich werde auch nicht gern von einem Betrunkenen angepöbelt. Aber es spielt keine Rolle für den Grad meiner Belästigung, ob der Belästiger sich mit schickem Hugo, edlem Whiskey oder grindigem Dosenbier in eine andere Dimension gebeamt hat. Soll heißen: Es ist mir vollkommen egal, was der Rausch, in dessen zweifelhaften Genuss ich als Angepöbelte indirekt auch komme, gekostet hat und ob er in einem Gastgarten oder auf einer Parkbank herbeigeführt wurde.

Deshalb bin ich strikt gegen diese mutlose Halbherzigkeit, mit der Für Innsbruck, ÖVP und FPÖ die Stadt säubern wollen. Wenn schon kleingeistig, dann bitte wenigstens in großem Stil. Es reicht bei Weitem nicht, den Konsum alkoholischer Getränke bloß innerhalb einer lächerlichen Innenstadt-Bannmeile zu verbieten. Es muss im ganzen Stadtgebiet durchgesetzt werden, dass auch in sämtlichen Gastronomiebetrieben nur noch stilles Mineralwasser und Bio-Fruchtsäfte ausgeschenkt werden. Gut, es ist damit zu rechnen, dass die ÖVP bei ihrem Wirtschaftsbund da erheblichen Erklärungsbedarf haben wird. Aber es geht schließlich um die rigorose Durchsetzung einer weltfremden Kleinbürgermoral. Das sollte selbst dem stursten Wirtschaftsbündler Verlockung genug sein. Und eventuell könnte man ja noch über alkoholfreies Bier reden, man will ja nicht als völlig durchgeknallter Hardliner gelten. Aber das wäre, so viel muss unter allen Umständen klar gemacht werden, schon ein ziemlich weitreichendes Zugeständnis an die Linkslinken. Die träumen ja in ihrem Dauerdusel, der gewiss von noch weit verabscheuungswürdigeren Substanzen als Alkohol induziert ist, allen Ernstes von Liebe, Grießschmarren und einer gelassenen Gesellschaft, die nicht gleich bei jedem Staubkorn auf der blank polierten Weltstadt-Fassade allergischen Ausschlag kriegt. Ha. Ha ha. So weit käm’s noch!

Ich meine: Natürlich sind wir gelassen und

Meinung

entspannt. Verdammt noch einmal, wir sind so was von gelassen, dass wir Schwerverbrecher, die einen Zigarettenstummel auf die Straße werfen, nicht gleich standrechtlich erschießen lassen. Und so entspannt, dass wir auch künftig nicht gleich die Polizei holen werden, wenn einer an der Bushaltestelle diskret ein paar Rumkugeln oder Mon Chéri einwirft. Ist das vielleicht nichts? Beweist das etwa nicht unsere grundvernünftige gesellschaftspolitische Haltung?

Noch besser wäre natürlich, den Genuss von Alkohol auch in privaten Haushalten, wenigstens in den städtischen Mietwohnungen, zu untersagen. Besoffene kommen ja bekanntlich auf die aberwitzigsten Gedanken, könnten also – horribile dictu! – auch plötzlich Lust verspüren, in ihrem Zustand ins Freie zu gehen und das Stadtbild zu verschandeln. Ein solches Verbot zu überprüfen, stellte zwar selbst für hartgesottene Law-and-Order-Fetischisten eine nicht zu unterschätzende Herausforderung dar. Mit täglich gezählten elf (!) Bettlern fertigzuwerden, die ihr Elend den anständigen Bürgerinnen und Bürgern dreist unter die Nase reiben, ist ja wahrhaftig schon keine Kleinigkeit und strapaziert die Nerven der leidgeprüften Bevölkerung bis aufs Äußerste. Aber auch im Zusammenhang mit Alkoholkonsum in den eigenen vier Wänden gilt: Man kann die geistige Enge nicht weit genug fassen. Wo steht denn geschrieben, bitteschön, dass es beim MPreis Alkohol, und dann womöglich noch „1+1 gratis“, zu kaufen geben muss?

In einem haben die Liberalismus-Spinner aber natürlich Recht: Es gibt kein Licht ohne Schatten. Unerwünschte Nebenwirkungen von erzwungener Nüchternheit sind keineswegs auszuschließen. Es könnte nachgerade verheerende Auswirkungen auf das Wahlverhalten der Innsbruckerinnen und Innsbrucker zeitigen, wenn sie sich plötzlich nicht mehr schön saufen dürfen, was ihre Volksvertreter den lieben langen Tag so aushecken.