Lesedauer   Lesedauer – für diesen Text benötigt ein durchschnittlicher Leser 3:45 Minuten  (Erklärung hier)

punktierte Linie

Das Amen
im Gebet

Von Irene Heisz | Unwahrscheinlich, dass Martha Heizer irgendwann als Märtyrerin einer neuen Form des angewandten Katholizismus verehrt wird.

Lange habe ich überlegt, ob ich mich der grassierenden Wurst-Manie anschließen und – Achtung, superwitziges Wortspiel! – auch noch mein Batzerl Senf dazugeben soll. Dann habe ich beschlossen: Nein, soll ich nicht. Es ist alles gesagt, in diesem Fall sogar von allen, wirklich gar allen. Es gibt Dinge, die mich im Grunde meines Herzens mehr beschäftigen.

Der in den vergangenen Tagen öffentlich eskalierte Konflikt um die Laien-Protestbewegung „Wir sind Kirche“, zum Beispiel. 2011 wurde bekannt, dass Martha Heizer und ihr Ehemann in ihrem privaten Haus regelmäßig Gottesdienste ohne Priester feiern. Seither mahlten die Mühlen der Kirchenjustiz von der vatikanischen Glaubenskongregation (der Nachfolgebehörde der Inquisition) bis zum Innsbrucker Diözesangericht und spuckten nun ein Ergebnis aus, mit dem von vornherein zu rechnen war: Die Exkommunikation war, wenn man so will, so sicher wie das Amen im Gebet. Das ist kein Privatproblem der Heizers, sondern auch eines der Plattform „Wir sind Kirche“, in der die Tiroler Religionslehrerin seit der Gründung an vorderster Front aktiv und seit wenigen Wochen sogar Österreich-Vorsitzende ist.

Wer exkommuniziert wurde, darf weder Sakramente empfangen noch selbst spenden und ist von allen kirchlichen Diensten ausgeschlossen. Katholisch im eigentlichen Sinn bleibt er dennoch, da die Taufe nach dem Verständnis der Kirche nicht rückgängig gemacht oder aufgehoben werden kann. Auch wer freiwillig aus der Kirche „austritt“, indem er sich von der Kirchenbeitragsstelle abmeldet, bleibt dennoch katholisch. Das ist aus der Perspektive einer aufgeklärten Logik paradox, beschreibt aber sehr gut das aktuelle Verhältnis zwischen Kirche und (zumindest unserem Teil der) Welt. Die Kirche auf der einen Seite erhebt und erhält sich aus dem rigorosen universellen Anspruch, der einzig wahre Weg zur Seligkeit zu sein. Das muss sie auch, um Jahrtausende zu überleben und weltweit agieren zu können. Und es lässt sich nicht bestreiten, dass die katholische Kirche so gesehen ein absolutes Erfolgsmodell auf dem Markt der Religionen ist.

Die spirituellen Biographien unzähliger durchschnittlicher Mitteleuropäer hingegen lesen sich heute so: Man wird als Säugling zum Katholiken gestempelt und lässt im Laufe seiner Menschwerdung zunächst die vertrauten Rituale und irgendwann auch Gott hinter sich. Sämtliche einschlägigen Untersuchungen belegen, dass zum Beispiel in Österreich nicht nur die Zahl der regelmäßigen Kirchgänger, sondern auch die Zahl derer, die an ein Schöpferwesen glauben, sinkt und immer weiter sinkt. Kalt lassen die Kirche als Institution und sein persönlicher Glaube oder Nichtglaube aber dennoch kaum jemanden, viele empfinden den Verlust des Vertrauens in einen tragfähigen religiösen Kontext auch als Verlust von Heimat und hadern damit.

Die Heizers haben sich vorsätzlich und gewiss im vollen Bewusstsein der Konsequenzen in eine

Meinung

Situation begeben bzw. diese provoziert, in der die Kirchenhierarchie nicht anders konnte, als exakt so zu reagieren, wie es nun geschehen ist. Dass Laien das Abendmahl ohne den geweihten Mittler und allein Kompetenten feiern, kann die Kirche nicht stillschweigend zur Kenntnis nehmen, das wäre in der Systemlogik sogar ein ziemlich dummer Fehler. Man muss durchaus nicht glauben, dass die Wandlung eine heilige Handlung ist, die in allen Kulten der Welt nur von eigens dazu Ermächtigten vollzogen werden darf. Aber wenn man katholisch sein will, muss man das akzeptieren.

Erwartbar und kalkuliert war aber auch die Aufregung, die um die Exkommunikation des Ehepaars Heizer entstanden ist. Der Zeitgeist hält jegliche Möglichkeit zur Kritik an der katholischen Kirche (und der Möglichkeiten sind ja tatsächlich viele!) für ein gefundenes Fressen, auf das sich die Geier gierig stürzen. Dennoch hat „Wir sind Kirche“ seit längerer Zeit ein Marketingproblem. Die 1995 im Zuge der grausigen Affäre Groër  in Innsbruck gegründete Laienbewegung strahlte international aus und wurde lange als fixe Größe in der Kirchendebatte wahrgenommen. Mangels irgendeiner nennenswerten Resonanz in der römischen Amtskirche, die selbst den ohnehin verschwindend geringen Einfluss von Laien für überbewertet hält, hat „Wir sind Kirche“ in den letzten Jahren deutlich an Schwung verloren. Zusätzlich überlagert wurden die Reform-Forderungen der Plattform im Jahr 2006 durch die Gründung der Pfarrer-Initiative, mit der erstmals populäre Amtsträger öffentlich ihren Unmut über unhaltbare Zustände im wirklichen Kirchenleben abseits vatikanischer Illusionen kundtaten. Und dann kam wie aus dem Nichts Papst Franziskus, der Popstar des einfachen Lebens, das sympathische, ja liebenswerte neue Gesicht einer heiß umstrittenen Institution. Ganz schwierig, dagegen anzukommen!

Wie also soll es mit „Wir sind Kirche“ nun weitergehen? Ob Privatmessen der richtige Weg sind, auf eines von vielen Problemen in der Kirche (nämlich den Priestermangel in unseren Breitengraden) hinzuweisen? Eine Eskalation zu provozieren und dafür auch große persönliche Opfer auf sich zu nehmen, kann ehrenhaft und unter Umständen schon sinnvoll sein, wenn es dazu angetan ist, einer leidigen Situation einen ganz neuen Drall zu geben. Man sollte eine Strategie aber immer gründlich und bis zum Ende durchdenken, bevor man sie durchzieht. Soll heißen: Es ist zwar nicht auszuschließen, aber doch sehr unwahrscheinlich, dass das priesterlose Abendmahl irgendwann erlaubt sein und Martha Heizer in ferner Zukunft als märtyrerhafte Avantgardistin einer neuen Form des praktisch angewandten Katholizismus gefeiert werden wird. Eine Bewegung aber, die für sich den Anspruch erhebt, die Kirche von innen heraus reformieren zu wollen, hat ein gewaltiges Legitimationsproblem, wenn ihre Vorsitzende exkommuniziert ist und keinerlei Befugnisse mehr hat, am kirchlichen Leben teilzunehmen.

Lesen Sie zu diesem Thema auch den Kommentar „Gesetzestreue oder Reform?“ der Reihe „Zauberspiegel“ von Nikoletta Zambelis (hier zu finden).