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punktierte Linie

Mythisches
Grauen

Von Irene Heisz | Nicht neu, aber endgültig nicht mehr weg zu interpretieren: Die österreichische Bildungspolitik ist ein Skandal.

Ein romantisch bewegter Recke, den zwar dabei ein „mythisches Grauen“ erfasst, der aber dennoch leider, leider nicht anders kann, als im Sinne der Volksgesundheit seiner Salatköpfe artfremde Schädlinge auszurotten?! Dermaßen verschwurbelten Blut-und-Boden-Schwachsinn hatten Österreichs AHS- und BHS-Maturantinnen und -Maturanten dieser Tage im Fach Deutsch zu „interpretieren“, auf dass sie danach für reif erklärt werden und mit einem soliden Grundstock an Allgemeinwissen in die Welt ziehen können. Glückwunsch, BIFIE, da haben Sie mit all ihren Experten und Beiräten zielsicher einen nicht nur unterirdisch schlechten, sondern auch für die jüngere deutsche Literatur irrelevanten und zu allem Überfluss ideologisch ekelhaften Text ausgewählt. Und ihn dann auch noch in der Gattung „Kurzgeschichte“ eingestuft, was er beim besten Willen nicht ist.

Das ist eine wirklich reife Leistung, aber für eine Reifeprüfung unsäglich; der schier unglaubliche Höhepunkt einer Reihe bemerkenswerter Vorfälle. Begonnen hat alles schon vor zwei Jahren, als die Einführung der Zentralmatura wegen flächendeckender Proteste verschoben wurde; munter weiter ging es vor ein paar Monaten mit dem berüchtigten Datenleck, das dazu führte, dass dem BIFIE ein erheblicher Teil seiner Aufgaben – nämlich die Durchführung sämtlicher Bildungsstandard-Tests – abhanden kam. Und jetzt sind endgültig Chaostage angebrochen: mit (angeblichen?) Unklarheiten über die für ein „Genügend“ mindestens zu erreichende Prozentzahl in den Fremdsprachen über das Fehlen

Meinung

von Mathematikaufgaben in mehreren Unterlagen bis eben zu dem in jeder Hinsicht skandalösen Deutsch-Maturatext.

Wer kein Glück hat, bei dem kommt bekanntlich oft noch Pech dazu. Allerdings: Dem „Bundesinstitut für Bildungsforschung, Innovation und Entwicklung des österreichischen Schulwesens“ zu unterstellen, es habe sich lediglich eine unglückliche Serie von Pleiten, Pech und Pannen geleistet, wäre eine sträflich verharmlosende Einschätzung der entgleisten Situation.

In der 2008 gegründeten Bildungsagentur arbeiten laut einem Eintrag auf der Homepage des Unterrichtsministeriums 150 Menschen, 80 Prozent davon im wissenschaftlich-pädagogischen Bereich. Das BIFIE wirtschaftete im Jahr 2013 mit 21,4 Millionen Euro öffentlichem Geld, 7,4 Millionen davon wurden für die Organisation der Zentralmatura aufgewendet. Verdammt viel Geld für verdammt klägliche Ergebnisse (wenn auch nur ein lächerlicher Bruchteil der Summe, die der ORF und diverse österreichische Städte und Bundesländer nicht haben, nächstes Jahr aber trotzdem in den Song Contest stecken wollen). Wo liegen eigentlich die „Cutscores“ für Bildungsmanager, Bildungsforscher, Bildungsinnovationsentwickler, Bildungspolitiker und all die anderen autochthonen Bewohner des Elfenbeinturms, unterhalb derer ihre Arbeit mit einem glatten „Nicht genügend“ bewertet wird? Wenn man wüsste, was genau das eigentlich sein soll, könnte einen ob der österreichischen Bildungspolitik doch tatsächlich ein mythisches Grauen erfassen.