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Fummel und Vollbart

Von Irene Heisz | Conchita Wurst vertritt Österreich beim Song Contest. Das ist keinerlei Grund zum Hyperventilieren.

Einmal abgesehen davon, dass „Toleranz“ immer die Gefahr der Herablassung gnadenhalber birgt, also etwas ganz Anderes als Akzeptanz auf Augenhöhe bedeutet: Ist Conchita Wurst an sich ein geeignetes Subjekt, die Toleranzfähigkeit derer auf den Prüfstand zu stellen, die den Eurovision Song Contest für ein relevantes Ereignis im (trans-)nationalen Interesse halten? Ist er/sie/es der Fummel und Vollbart gewordene Elchtest, der die Verbohrten von den Liberalen scheidet? Die neurotisch Verklemmten von jenen, die sexueller Ambivalenz gelassen begegnen? Na ja. Bestenfalls bedingt.

Der Oberösterreicher Tom Neuwirth vertritt heuer in seiner Erscheinungsform als Conchita Wurst Österreich oder eigentlich den ORF beim Wettsingen der europäischen Rundfunkanstalten. Das sorgt zumindest vor der Veranstaltung in der zweiten Maiwoche für erhebliches internationales Aufsehen. Damit ist das Hauptziel der Mission bereits erfüllt. Und zwar sowohl für den ORF, als auch für den 25-jährigen Neuwirth.

Klären wir kurz die Fakten: Männerartige Gesichts- und Körperbehaarung bei Frauen ist eine seltene Krankheit, die Hirsutismus genannt wird. „Damen mit Vollbart“ waren in Zeiten vor Laser-Epilationen vermutlich meistens tragische Existenzen und wurden in den Freakshows von Jahrmärkten immer gern genommen. Das Motiv ist nicht neu; das Andersartige, Monströse gar löst wohligen Grusel aus (und das ist definitiv keiner der freundlicheren Instinkte, über die unsere Spezies gemeinhin so verfügt). Die Travestie als Bühnenkunstform und das Spiel mit sexueller Uneindeutigkeit sind nicht nur alte, sondern buchstäblich antike Hüte – und im Übrigen nicht zwingend Ausdruck einer Transgender-Identität im wirklichen Leben der Künstler. Nicht einmal Androgynität oder auch Cross-Dressing bei hetero- und homosexuellen Frauen und Männern sind eine Erfindung des vermeintlich enthemmten 21. Jahrhunderts.

Meinung

Dennoch gilt es als approbierte Mehrheitsmeinung, Conchita Wurst, den schwulen Mann in Frauenkleidern und mit (großteils) aufgemaltem Vollbart als Botschafter/in für „Toleranz und Akzeptanz“ zu betrachten und zu promoten. Nur: Wem oder was gegenüber genau kann man sich tolerant fühlen, indem man Conchita Wurst toll findet? Wem oder was gegenüber muss man Akzeptanz aufbringen, um nicht als langweilige, hetero-normierte Hinterwäldlerin zu gelten? Einer Bühnenfigur? Geschenkt, da gibt’s wahrlich schwierigere Übungen!

Tom Neuwirth/Conchita Wurst macht in der Öffentlichkeit einen bisweilen leicht überspannten, aber meistens grundsympathischen Eindruck. Seine/ihre bisherigen Karriereanläufe im Musikgeschäft allerdings waren in beiden Identitäten von nicht einmal bescheidenem Erfolg gekennzeichnet. Das könnte, bei Licht betrachtet, nicht an der mangelnden Liberalität der Österreicher, sondern vielleicht doch daran liegen, dass Neuwirth/Wurst zwar über ein gutes Gespür für Dramatik, aber eine nur mittelmäßige Singstimme verfügt. Und die bombastischen Balladen, die Conchita Wursts Leib- und Magengenre sind, wirken wie ein gigantischer Ballen Zuckerwatte vom Christkindlmarkt: Alles, was davon bleibt, sind klebrige Finger und das unangenehme Gefühl einer argen Überdosis Süße.

Zwar ist es von vornherein vergebliche Liebesmüh’, Song-Contest-Beiträge auf ihre musikalische Qualität und ihr Potenzial an Karrierenachhaltigkeit abzuklopfen. Aber wenn schon da und dort Vergleiche zwischen „Rise like a phoenix“ und dem unverkennbaren Sound eines klassischen James-Bond-Titelliedes gezogen werden, machen wir sicherheitshalber einen Schnelltest: Conchita Wurst in einer Reihe mit Shirley Bassey, Tina Turner oder auch Adele? Das ist, neben dem Toleranz-Edikt, das zweite gröbere Missverständnis in der Causa Wurst.