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Papst Franziskus: herzlich, aber hart

Von Irene Heisz | Wenn Franziskus nicht übers Wasser gehen kann, wird er in und an Europa scheitern. Sofern ihn nicht vorher Feinde innerhalb des Vatikans kaltstellen.

Papst Franziskus I. sorgt für Begeisterungsstürme. Aber wie lange wird es dauern, bis coole Selfies mit dem Papst nicht mehr darüber hinwegtäuschen können, dass die katholische Kirche in vielerlei Hinsicht immer noch nicht im 21. Jahrhundert angekommen ist? Außerdem lebt er gefährlich. Und dabei sind nicht nur – wie bei jedem anderen Superstar der Populärkultur auch – irre Fans ins Kalkül zu ziehen, die sich und ihr Idol unsterblich machen wollen, indem sie es umbringen. Im Falle des Heiligen Vaters dürfte die größte Bedrohung innerhalb der Mauern des Vatikan lauern und von einer Art sein, der mit Leibwächtern und Metalldetektoren nur bedingt beizukommen ist.

Jorge Mario Bergoglio feiert heute sein zweites Osterfest als Papst Franziskus I. Nur eine Woche später wird er seinen Vorvorgänger Johannes Paul II. und den Konzilspapst Johannes XXIII. heiligsprechen. Vor 13 Monaten war er erstmals mit einem mittlerweile schon legendären schlichten „Buona sera“ ans Licht der Weltöffentlichkeit getreten und hat sich binnen kürzester Zeit zu einem Liebling der Medien und der Massen entwickelt. Allein der englische Twitter-Account „Pope Francis@pontifex“ hat fast vier Millionen Abonnenten; für konservativere Mediennutzer gibt es mit der bunten Postille „Il mio papa“ inzwischen sogar ein eigenes Papst-Fanzine.
Und nicht nur der chronisch agitierte BILD-Vatikankorrespondent Andreas Englisch, der zwecks Promotion seines Franziskus-Buchs durch diverse Talkshows gereicht wird, kommt aus dem Hyperventilieren über die unzähligen launigen Anekdötchen, die über Franziskus kursieren, gar nicht mehr heraus. Das allein wäre schon Grund genug, die Angelegenheit mit skeptischer Zurückhaltung zu betrachten. Aber da sind auch noch substanziellere Überlegungen anzustellen.

Der Papst ist ein grundsympathischer, offenbar blitzgescheiter und unerschrockener Mann, der anscheinend eins begriffen hat: Er muss der Kirche vielleicht zum ersten Mal seit den Tagen der urchristlichen Gemeinden ein Gepräge geben, in dem (potenzielle) Gläubige zumindest das Gefühl entwickeln können, dass sich die Kirche auf sie zu bewegt, statt immer noch weiter weg von ihrer Lebenswirklichkeit zu driften und sie mit weltfremden, scheinheiligen Vorschriften zu drangsalieren. Franziskus sorgt mit unzähligen kleinen Gesten für eine freundliche, menschennahe Atmosphäre. Indem er es auf ein menschliches Maß zurechtstutzt, verleiht er seinem Amt unvermutet wieder Größe. Und sich selbst eine euphorische Fanbasis. In Zeiten der globalen Scheindemokratisierung durch social media wirken viral verbreitete Selfies mit dem Papst stärker als der weihrauchgeschwängerte Pomp eines Hochamts. Und als das pseudoaristokratische Getue der Kurie sowieso.

Das ist der eine Punkt, der zwar die dankbaren Massen wenig interessiert, an dem Franziskus aber scheitern könnte: Ihm ist es offenbar todernst mit der sozialen (um nicht zu sagen: sozialistischen) Kirche, die bedingungslos an der Seite der Armen und Ärmsten, der Flüchtlinge, der Opfer des globalisierten Kapitalismus steht. Lampedusa zu besuchen, der Toten zu gedenken und mit Überlebenden zu beten, ist eine große Geste. Im Kardinalstaatssekretariat, der Regierung des

Meinung

Vatikan, und in der skandalgebeutelten Vatikanbank aufzuräumen, sogar mehr als das. Wo Franziskus nach außen hin herzlich agiert, regiert er nach innen mit eisenharter Hand. Die Liste der Feinde, die er sich damit macht, dürfte mittlerweile fast so lang sein wie die seiner Fans. Und seine Feinde, die ihre Felle rasend schnell davon schwimmen sehen, sind im Zweifelsfall garantiert mächtiger und besser organisiert als die diffuse Masse derer, die auf Twitter auch Justin Bieber folgen.

Die zweite Front, die hinter dem Wirbelsturm der Begeisterung für den argentinischen Papst zurzeit noch nicht recht sichtbar ist, besteht aus der simplen Tatsache, dass Franziskus mitnichten daran denkt, seine ausgeprägt konservative Haltung in jenen Bereichen zu lockern, die vor allem Christinnen und Christen in der industrialisierten Welt seit Langem umtreiben. Man kann mit einer gewissen Berechtigung argumentieren, dass die europäische Fixierung auf die menschenverachtende Sexualmoral am Kernthema der katholischen Kirche vorbeigeht. Dass es diese Fixierung gibt, hat sich die Kirche zu einem wesentlichen Teil aber selbst zuzuschreiben, weil es ihr nie gelungen ist, brauchbare Alternativen zu den lebensfeindlichen Regeln zu entwickeln, die schon vor Jahrhunderten nicht funktioniert haben.

In Sachen Sexualmoral lebt die Kirche nicht in einer anderen Zeit, sondern in einem Paralleluniversum. Und im Grunde genommen vertritt der Papst dieselben rigiden Positionen wie seine Vorgänger Benedikt XVI. und Johannes Paul II. Bei Franziskus klingen sie nur irgendwie freundlicher. Frauen an den Altar? Sicher nicht! Homosexualität? Wird als vielleicht ja doch nicht heilbares Übel zur Kenntnis genommen und gnädigerweise nicht automatisch verdammt. Mehr aber auch nicht. Sakramente für wiederverheiratete Geschiedene, die frech darauf bestehen, Sex zu haben? Na ja, ein bisschen über eventuell vorkommende einzelne Ausnahmefälle zu diskutieren, ist in Ordnung. Aber ist das wirklich schon als Fortschritt zu werten?

Wenn Franziskus I. am kommenden Sonntag in Hunderttausende freudig erregte Gesichter blickt, die der Heiligsprechung Johannes Pauls II. beiwohnen werden, mag ihm vielleicht auch dieser Gedanke durch den Kopf gehen: Auch Karol Wojtyla hat einst, im Oktober 1978, als unkonventioneller, erfrischender Wirbelwind und Liebling der Massen angefangen. Irgendwann allerdings haben viele und immer mehr europäische Gläubige die Geduld verloren und ihre Beziehungen zur römischen Kirche eingefroren. Wer sein Bedürfnis nach spirituellen Inhalten stillen will, findet auf dem globalen Naschmarkt der Religionen alles und noch mehr, von dem er vorher gar nicht wusste, dass er es braucht. Und wer lieber nach ethischen Grundsätzen ganz ohne Religion lebt, muss sich vor niemandem mehr dafür rechtfertigen.

Da liegen längst ganze Ozeane zwischen der Kirche und unzähligen Menschen auf der Flucht vor der Religion. Ob Franziskus übers Wasser gehen kann, um wenigstens wieder in Rufweite zu den Abtrünnigen zu kommen, ist sehr fraglich. Probieren wird er es aber müssen, auch wenn sein Fokus auf den armen Ländern der Welt liegt. Oder besser: Gerade weil seine Leidenschaft den Armen gilt, wird Franziskus die reichen Ortskirchen und Menschen Europas brauchen.