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Hier irrt Markus Wilhelm

Von Irene Heisz | Man kann Markus Wilhelms Arbeit ohne Weiteres mit einer Spende unterstützen. Aber nicht auf Basis einer Verschwörungstheorie.

Markus Wilhelm hat oft Recht. Deutlich öfter Recht als Unrecht. Seine investigative Öffentlichkeits-Arbeit für Tirol ist äußerst verdienstvoll; häufig hat der Journalist in den vergangenen Jahren mit seinem Internet-Portal www.dietiwag.org Aufklärungsarbeit über fragwürdige bis halbseidene Vorgänge im Land geleistet, mit denen herkömmliche Medien, nennen wir es: überfordert waren und sind. Nun hat Wilhelm in einem Prozess nicht Recht bekommen und braucht Geld zur Fortführung des Gerichtsweges. Es gibt gute Gründe, Markus Wilhelm dabei zu unterstützen, aber in der Argumentation irren er und seine Sympathisanten.

Das System Tirol ist ein hermetisch abgeschlossenes und weist alle bedenklichen Merkmale auf, die (gesellschafts-)politische Biotope einer solchen Prägung kennzeichnen: eine übermächtige, über Jahrzehnte alle politischen und Verwaltungsebenen dominierende Partei; informelle Netzwerke, die in sämtliche relevanten Institutionen von Wirtschafts- bis hin zu Medienbetrieben hineinreichen; starke ungeschriebene Gesetze und stillschweigende Übereinkünfte, ja fast eine Art Omertà-System, das auf subtile, aber doch rigide Art all jene ausschließt und ächtet, die sich weigern, mitzuspielen. Wer wie Markus Wilhelm den Finger in Wunden legt oder überhaupt erst hartnäckig darauf hinweist, dass es Wunden zu versorgen gibt, gilt den Mächtigen und deren Günstlingen als Nestbeschmutzer, Verräter, Feind. Das ist im roten Wien nicht anders als in Pröllistan vulgo Niederösterreich. Oder eben im schwarzen Tirol.

Das muss man erst aushalten. Es erfordert Gewitztheit und Unerschrockenheit, ein gerüttelt Maß an Beharrlichkeit und große Leidenschaft, sich einem solchen System über lange Jahre zu widersetzen, sich nicht korrumpieren zu lassen (durch Geld oder Gefälligkeiten), innerlich und wirtschaftlich unabhängig zu bleiben – und sich durch Anfeindungen und Drohungen nicht einschüchtern oder mundtot machen zu lassen. Der aufrechte Gang ist eine Übung, die nicht viele beherrschen. Markus Wilhelm hat ihn immer wieder trainiert, bisweilen wohl mit zusammengebissenen Zähnen und unter Schmerzen, mitunter sicher auch mit diebischer Freude darüber, der ÖVP wieder einmal eins ausgewischt zu haben. Dafür bewundern ihn einige, fürchten ihn andere und achten ihn viele in diesem Land. Der Preis, vielleicht auch die Voraussetzung seines einsamen Kampfes ist, dass sich Wilhelm ein Weltbild zurechtgelegt hat, in dem automatisch gegen ihn ist, wer nicht bedingungslos für ihn ist und in dem Widerspruch

Meinung

nicht erwünscht ist, ja sogar als Majestätsbeleidigung gilt. Da verschieben sich die Wahrheiten bisweilen bis hin zu einer Unschärfe, die Wilhelms Grundanliegen, Dreck nicht unter den Teppich zu kehren, sondern sichtbar zu machen, mehr schadet als nützt.

Die Sache mit der ÖVP, der Area 47 und dem Hakenkreuz, in der Markus Wilhelm mittlerweile in zweiter Instanz verurteilt wurde, ist so ein Fall. Man kann die Verdisneyländerung Tirols, wie sie in dem Ötztaler Freizeitpark betrieben wird, entschieden ablehnen. Man muss die rechtsradikale Band Frei.Wild ekelhaft finden und es bedauern, dass diese Typen tun dürfen, was sie tun. Man kann auch darauf pochen, dass es zumindest hochgradig fragwürdig ist, Bands wie diese in einer mit Steuergeld subventionierten Veranstaltungsarena auftreten zu lassen.

Und man kann der ÖVP zweifellos vieles vorwerfen – aber sie in die Nähe des Nationalsozialismus zu rücken, weil sie 2013 ihren Parteitag dort abhielt, wo einige Zeit vorher auch Frei.Wild aufgetreten waren, ist falsch. Und nicht lustig. Es funktioniert weder als Satire, also als Ausdruck und Mittel künstlerischer Freiheit, noch unter der Prämisse Meinungsfreiheit. Dass sich der Betreiber der Area 47 und die ÖVP dagegen verwahrt und Wilhelm geklagt haben, ist verständlich, die Entscheidung zweier Gerichte, dass es sich dabei um einen Wertungsexzess Wilhelms handle, auch für die Nichtjuristin nachvollziehbar.

Markus Wilhelm sieht das anders und will das Urteil weiterhin anfechten. Das steht ihm selbstverständlich zu. Rechtliche Mittel sind dazu da, ausgeschöpft zu werden. Der Instanzenzug kostet allerdings naturgemäß Geld, von bisher 15.000 Euro ist die Rede. Der Tiroler Journalist Hannes Schlosser, auch einer von den Aufrechten, hat deshalb einen Aufruf zur finanziellen Unterstützung Wilhelms gestartet (http://www.unterstuetze-mw.org/). Es gibt gewiss schlechtere Arten, Geld zu investieren, als Markus Wilhelms Arbeit zu unterstützen. Aber es hat einen falschen Unterton, wie Wilhelm selbst und seine Sympathisanten argumentieren. Sie konstruieren aus dem Prozess und dessen Ausgang eine Verschwörungstheorie, laut der erstens die Tiroler Gerichte von einer dunklen Macht dazu angehalten seien, Wilhelm ökonomisch zu ruinieren und auf diese Art mundtot zu machen. Und laut der es zweitens in Tirol verboten sei, gegen Rechtsradikalismus zu sein und aufzutreten. Das ist nichts anderes als Unsinn. Und im Übrigen vielfach widerlegt.