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punktierte Linie

Bettler
verboten!

Von Irene Heisz | Wir sind durchaus barmherzig. Aber lieber mit der Kreditkarte als gegenüber dem konkreten nackten Elend auf unseren Straßen.

„Danke, Chefin, i hab g‘wusst, dass Sie a nette Frau sein!“ Ich unterdrücke den Impuls, die „Chefin“ zurückzuweisen. Dass ich dem Sandler, der mich so tituliert, gerade einen Euro in die Hand gedrückt habe, macht mich weder zu seiner noch zu sonst irgendjemandes Chefin, nicht einmal zu einem besseren Menschen. „Auf Wiedersehen“, sage ich. „Alles Gute!“ Hilflos und dumm, irgendwie, aber etwas Besseres fällt mir nicht ein.

Umfassende Bettelverbote widersprechen laut einem Erkenntnis des Verfassungsgerichtshofes aus dem Jahr 2012 den Menschenrechten, die auch das Recht auf die persönliche Lebensgestaltung und Erwerbsfreiheit umfassen. Verboten ist und bleibt österreichweit aggressives Betteln (wer definiert, was „aggressiv“ ist?) und das Betteln mit Kindern. Dennoch reißen die Diskussionen in sämtlichen größeren Städten des Landes nicht ab; rechte und Mitte-Rechts-Parteien überschlagen sich in immer neuen kreativen Vorschlägen, wie das VfGH-Erkenntnis auszuhebeln wäre; die Innsbrucker FPÖ zum Beispiel wollte jüngst ein Bettelverbot zwischen 7 und 23 Uhr durchsetzen, was in der Praxis einem totalen Bettelverbot gleichkäme. So unähnlich sind einander die Anti-Bettel-Protagonisten und die Bettler eben nicht: Man nimmt das (politische) Kleingeld, wo man es kriegen kann.

Das Betteln bietet eine üppige Spielwiese für ideologisch aufgeladene Grabenkämpfe. Debatten über Bettelverbote allerdings sind eigentlich Debatten über Bettlerverbote, also bei näherer Betrachtung vollkommen sinnfrei. Es nützt nichts, sich zu wünschen, dass nicht ist, was wir nicht wollen.

Die Weltliteratur ist voll von Bettlern, und das hat einen guten Grund, sprich: Es beruht logischerweise auf einer solide Verankerung des Phänomens Betteln im wirklichen Leben aller Epochen und Kulturen. Da ist nicht nur Martin, der sich laut Legende christliche Heiligkeit erwarb, indem er seinen Mantel kurzerhand entzweischnitt, weil einen anderen fror. Da sind märchenhafte Prinzessinnen, die Bettler heiraten (gut, die entpuppen sich am Ende meistens als Prinzen, aber das wissen die Prinzessinnen vorher ja nicht!). Da ist die hartherzige Frau Hitt, die einer Hungernden einen Stein zu essen anbot. Da ist „The Beggar’s

Meinung

Opera“ aus dem 18. Jahrhundert, die Brecht/Weill als Vorlage ihrer „Dreigroschenoper“ diente…

Es ist nicht so, dass wir verlernt hätten, barmherzig zu sein. Wir erweisen uns aus der ohnehin nur relativen Sicherheit unserer bürgerlichen Existenzen heraus durchaus gern großzügig und solidarisch mit den Mühseligen und Beladenen. Aber unser Mitgefühl zeigen wir lieber mit der Kreditkarte. Name, Ablaufdatum, Sicherheitscode – sauber, schnell, herrlich unbelästigt von echten Menschen. Ein Benefizkonzert, vielleicht, oder „Golfen gegen den Syrienkrieg“, das ist eine Form von Barmherzigkeit und Mitleid, mit der wir gut leben können, ohne uns selbst der wohlverdienten Nachtruhe mit grundsätzlichen und höchst irritierenden Fragen über Verteilungsgerechtigkeit zu berauben.

Wenigstens ein bluesig-romantisches Musikstück sollen sie uns vorspielen auf der Straße, damit wir ein paar Münzen herausrücken. Wir wollen eine Leistung sehen, für die wir zahlen können. Das ganz konkrete nackte Elend, das nichts anderes zu sein vorgibt und sich uns buchstäblich in den Weg stellt, ist uns unangenehm, ein wenig peinlich sogar. Wir schauen schnell auf die andere Seite.
Nein, ich bin keine Sozialromantikerin. Ich misstraue nur zutiefst den Schlechtmenschen, die Menschen im Elend kriminalisieren. Denn wie man es auch dreht und wendet: Es sind allemal arme Teufel, mit denen wir uns den öffentlichen Raum teilen. Aber auch diese Menschen am untersten Ende der sozialen Hackordnung, am von uns vermeintlich so weit entfernten Ende der Nahrungskette haben ein Recht auf ihre Menschenwürde. Das ist entschieden nicht damit vereinbar, sie zu schikanieren und ihnen mit ordnungspolitischen Maßnahmen – womöglich noch von privaten „Wachkörpern“ exekutiert – das Recht auf ihre wahrnehmbare Existenz zu verweigern.

Auch ich möchte mich in einer sicheren Stadt bewegen können. Aber die Verunsicherung, die Bettler in mir auslösen, ist eine moralisch-ethische und keine konkret kriminelle Bedrohung von der Art, die Anhänger von Bettelverboten gern beschwören. Welche kriminelle Gefahr für mein Leben und meine persönliche Integrität von Bettlern ausgeht, hat mir noch niemand schlüssig erklären können.