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punktierte Linie

Dem Jörgl
seine Tochter

Von Irene Heisz | Ulrike Haider macht neuerdings Politik. Das wäre nicht nötig gewesen. Echt nicht.

Jetzt also die Tochter. Pech, irgendwie, dass Ulrike Haider kein Ulrich oder gar ein Jörg junior ist. Man mag sich nicht vorstellen, welch wonnigliche Schauer die Adoranten von Jörgl selig unablässig beuteln würden, wäre die Neupolitikerin ihrem Vater optisch (noch) ähnlicher.

Ulrike Haider-Quercia kandidiert für das einst von ihrem Vater gegründete BZÖ als Spitzenkandidatin für die Europawahlen im Juni. Das passt so weit ganz gut: Jörg Haider ist tot, das BZÖ als quicklebendig zu bezeichnen, wäre auch stark übertrieben. So richtig widerlich rechts ist diese Partei nicht, irgendetwas anderes aber auch nicht; und Frau Haider-Quercia gibt zu Protokoll, sie sei „unideologisch“ und wolle auch eine solche Europa-Politik betreiben. Was immer das heißen mag.

Den Namen ihres italienischen Ehemannes lässt die Juristin als Politikerin lieber weg, obwohl „quercia“ auf Deutsch „Eiche“ bedeutet, was nicht gänzlich unpassend wäre. Doch dem durchschnittlichen Österreicher kommt „Kuertscha“ wohl kaum unfallfrei über die Lippen (und ein herzhaft verhunztes „Kwertschia“ ist der Wahlrömerin Haider-Quercia wirklich nicht zuzumuten). Lieber plündern Haider bzw. das BZÖ also unverfroren einen Fundus, von dem sie offenbar hoffen, dass er bei den Wählern einen Sippenhaftungs-Effekt erzielt: „Die neue Generation“ sei am Werk, steht auf der Homepage, die sinnigerweise „Haider 2014“ heißt. So wird einen Funken Resthoffnung auf eine Wiederauferstehung des Jörg am Leben gehalten, von dem die junge Haider allen Ernstes als einem „bedeutenden liberalen Politiker“ schwärmt. Zudem erfahren wir, dass Ulrike Haiders kleiner Sohn den ästhetisch nicht ganz geglückten Namen Giorgio-

Meinung

Jörg mit sich herumträgt.

Dass die Familie Quercia in Italien lebt und Kärnten schon vor Jahren valossn hod, ist zwar ein ärgerlicher Regiefehler, aber, ganz ruhig: Haider ist, lesen wir, beseelt von „der Sehnsucht nach den Schätzen ihrer Heimat“. Das ist, nebenbei bemerkt, der Rest Österreichs auch, sehr sogar. Wir anderen wissen allerdings inzwischen definitiv, dass dort keinerlei Schätze zu holen sind, sondern dass der Aufbau Süd uns unser letztes Hemd kosten wird. Aber das ist ein anderes Thema.

Ulrike Haiders politisches Programm ist in ihren eigenen Worten schnell zusammengefasst: Sie tritt an, um den Namen ihres Vaters reinzuwaschen. Eine neue Solistin im Kärntner Grenzwertchor – das haben wir gebraucht wie der Kärntner Tourismus Dauerregen im August.

Erstens hat Jörg Haider selbst erschreckend nachhaltig dafür gesorgt, dass sein Name in diesem Land nicht einmal mehr mit der Fleckenschere der Geschichte sauber zu kriegen ist. Und zweitens geht diese Begründung für eine EU-Kandidatur nicht nur am Thema Europa meilenweit vorbei. Sie beweist auch, dass Haider von ihrem Vater nicht nur den Namen hat. Sondern auch diese unselige, schamlose Selbstbedienungsmentalität, die Jörg Haider und seine Spießgesellen in diversen Parteien und diversen Regierungen mehr als 20 Jahre lang bis zum Erbrechen zelebriert haben. Aus der Sicht einer Tochter, deren berühmter Vater ein extrem bewegtes Leben führte und viel zu früh starb, ist die große persönliche Tragik zweifellos verständlich. Aber was um alles in der Welt kümmert Ulrike Haiders familiäres Trauma den Rest Österreichs?