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punktierte Linie

Reise nach Jerusalem

Von Irene Heisz | Das Essl-Debakel: großer Wert, kleiner Preis. Oder umgekehrt.

So etwas gab es in Österreich schon lange nicht mehr, und wenn, dann normalerweise nur im Zusammenhang mit Blasphemie-Vorwürfen: eine breite und hitzige öffentliche Debatte über zeitgenössische Kunst. Man mag es als Ironie identifizieren, dass die aktuelle Erregung über die Sammlung Essl (nähere Infos sind hier zu finden) dem dramatischen Absturz eines Konzerns von Heimwerker-Märkten geschuldet ist. Und eigentlich, auch darin liegt beißende Ironie, geht es weniger um die Kunst an sich als darum, was das alles wieder kostet. Aber dafür, dass Gegenwartskunst angeblich sowieso niemanden interessiert, diskutieren dieser Tage erstaunlich viele Fachleute und solche, die sich dafür halten, über das künftige Schicksal der rund 7000 Werke umfassenden Sammlung, die sich der bauMax und seine Frau im Laufe von mehreren Jahrzehnten zusammengebastelt haben.

Karlheinz und Agnes Essl haben vor langer Zeit ihre Liebe zur Kunst zu ihrer eigentlichen Lebensaufgabe gemacht, die Gewinne der fetten bauMax-Jahre in Kunst investiert und sich in Klosterneuburg ein Denkmal errichten lassen. Das Essl Museum ist laut Selbsteinschätzung „eines der bedeutendsten Privatmuseen für Gegenwartskunst weltweit“; in ihrem erweiterten Wohnzimmer schalten und walten die Essls nach Gutdünken, die aktuelle Ausstellung „Made in Austria“ zum 15-jährigen Bestehen des Museums hat Karlheinz Essl selbst kuratiert.

Nun droht dem bauMax-Konzern die Insolvenz. In der Masse, die es im schlimmsten Fall zu verwalten gäbe, befindet sich auch die Kunstsammlung, die auf dem Papier geschätzte 86 Millionen Euro wert ist. Um die Zerschlagung seiner heiß geliebten Sammlung zu verhindern, gebar Karlheinz Essl die kreative Idee, dass die Republik Österreich einspringen und die Sammlung in Bausch und Bogen kaufen solle.

Das heißt im Klartext: Gewinne wurden privatisiert, die Verluste sollen sozialisiert werden. Dieses Muster ist sattsam bekannt, greift gerade bei der Hypo Alpe Adria wieder auf das, nun ja, Prächtigste und verursacht der Steuern zahlenden Bevölkerung mittlerweile allergischen Hirnausschlag mit einem fatalen, äußerst ärgerlichen Nebensymptom: In diversen Wortmeldungen aus Volkes Mund schlagen immer wieder grundsätzliche Ressentiments durch, eine tief sitzende Verachtung gegenüber zeitgenössischer Kunst („Zu was brauch ma des?“ , „Da kann ja mein fünfjähriger Sohn schöner malen!“, „Das Zeug ist das Material nicht wert, aus dem es gemacht wurde.“)

Doch auch Essl kämpft mit nicht ganz sauberen Mitteln, wenn er meint, es gehe beim Erhalt seiner Sammlung um einen öffentlichen Bildungsauftrag. Und um 4000 Arbeitsplätze. Ersteres ist zumindest diskutabel, zweiteres hingegen ein ziemlich untergriffiges Argument. Essls gewiss ehrliches Herzeleid angesichts der Vorstellung, dass sein Lebenswerk zerstört werden könnte, ist absolut verständlich. Und es ist auch dezidiert darauf

Meinung

hinzuweisen, dass Mäzenatentum eine Lebenseinstellung reicher Leute ist, die – quasi als Nebeneffekt – tatsächlich auch der Allgemeinheit zugutekommt. Das ändert jedoch nichts daran, dass Essls Privatinteressen sich nicht mit denen der Öffentlichkeit decken müssen. Öffentlichkeit bedeutet hier auch Kunstverwalter und -vermittler an öffentlichen Einrichtungen. So gut wie alle einschlägigen Expertinnen von Stella Rollig (Kunstmuseum Lentos) bis Agnes Husslein (Österreichische Galerie Belvedere) analysieren in seltener Einigkeit: Mit seiner verzweifelten Einschätzung, seine Sammlung sei quasi „too big to fail“, also als Ganzes systemrelevant für die Kulturnation Österreich, steht Essl ziemlich allein da. Einzelne Werke oder Teile der Sammlung hingegen könnten die in öffentlichen Museen vorhandene Dokumentation der (österreichischen) Gegenwartskunst sinnvoll ergänzen.

Nur weil die Expertinnen und Experten als Museumsleiter u.ä. jeweils auch eigene Interessen verfolgen, heißt das noch nicht, dass sie im Unrecht wären. Es ist ein beschämender Zustand und einfach nicht zu bestreiten, dass die öffentlichen Museen seit Langem zu wenig Geld haben, um systematisch zu sammeln. Exakt das jedoch wäre ihre Aufgabe – während es sich ein privater Sammler leisten kann und soll, statt einer systematischen Sammlung ein Sammelsurium nach seinem höchstpersönlichen Geschmack anzulegen.

Doch beim Stichwort „Arbeitsplätze“ reagierte die Politik erwartungsgemäß mit einer Panikattacke: Den Vorwurf, den Verlust von dermaßen vielen Arbeitsplätzen nicht gerade verursacht, aber doch mutwillig nicht verhindert zu haben, hält keine Regierung gut aus. Kulturminister Josef Ostermayr, der Hoffnungsträger der SPÖ, hat auf der Stelle Verhandlungen angesetzt. Es könnte ja, so das Kalkül, sein, dass man – getreu dem bauMax-Motto „Großer Wert, kleiner Preis“ – ein Schnäppchen macht, wenn man das ganze Überraschungspaket kauft. Die Fachleute, die den schönen Plan womöglich durch Expertisen zerstören könnten, wurden sicherheitshalber gar nicht erst eingeladen.

Das Ganze wirkt wie eine Variante von „Reise nach Jerusalem“. Die einen – das Volk – haben es so gründlich satt, ständig für die von anderen verursachten ökonomischen Katastrophen bezahlen zu müssen, dass ihnen auch 4000 gefährdete Arbeitsplätze nicht mehr viel mehr als ein müdes Achselzucken entlocken. Die anderen – die Kunstfachleute – beharren darauf, dass sinnvolle Ankaufsstrategien nicht durch populistischen Aktionismus sabotiert werden darf. Wenn die Musik zu spielen aufhört und sich der Staub gelegt hat, wird Ostermayr feststellen, dass er zwischen allen Stühlen zu sitzen gekommen ist. Kein sehr bequemer Platz und eine Haltung, die selten durch Eleganz und Souveränität überzeugt. Aber möglicherweise eine schöne Ausgangsidee für eine auf Video dokumentierte satirische Performance unter dem Titel „Kulturpolitik in Österreich“.