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punktierte Linie

Nekrophile
Neger

Von Irene Heisz | Fremdwörter wie „Konglomerat“ verstören den anständigen kleinen FPÖ-Wähler nur unnötig.

Die eiskalt und zynisch kalkulierten FPÖ-Skandale sind doch die verlässlichsten: „Negerkonglomerat“ sagte Andreas Mölzer, der FPÖ-Spitzenkandidat für die Europawahl im Juni. Des Weiteren verstieg sich der Mann, der sich selbst für einen Intellektuellen hält, zur Behauptung, dass das Naziregime im Vergleich zur Europäischen Union weniger regulierungswütig gewesen sei – also, schwingt da selbstverständlich mit, eh nicht so verwerflich, wie die linkslinken Gutmenschen immer behaupten. Zweiteres ist dermaßen hanebüchen, dass sich selbst ein FPÖ-Politiker dafür in Grund und Boden genieren müsste, so etwas auch nur zu denken. Die Argumentationskategorie (wenn man so etwas „Argumente“ nennen will) „Aber Arbeitsplätze geschaffen haben sie, die Nazis“ könnte mittlerweile selbst strammen Rechten mit einem Rest Hirn zu peinlich sein. Ganz zu schweigen von Menschen, die sich über ihre Geisteskräfte definieren, also Intellektuellen.

Aber es gehört eben einfach zum wohlfeilen Repertoire der Blauen, bei jeder noch so unpassenden Gelegenheit ein nicht einmal subtiles affirmatives Signal an den braunen Bodensatz zu schicken. Und danach natürlich falsch verstanden, absichtlich missinterpretiert, böswillig verfolgt usw. usw. usw. worden zu sein. Das funktioniert immer und immer nach demselben Muster. Wie vorhersehbar. Und wie entsetzlich öde.

Dass Herrn Mölzer ein „Negerkonglomerat“ entwichen ist, müsste hingegen selbst dem großen F-orsitzenden Heinz Christian Strache Sorgenfalten ins Grinsegesicht graben. Da hat sich Mölzer schwer im Register vergriffen, denn Klugscheißer, die mit bildungssprachlichen Fremdwörtern wie „Konglomerat“ um sich werfen, sind nun wirklich das Letzte, das die Partei des anständigen kleinen

Meinung

Österreichers brauchen kann. So etwas führt nur zu einer ärgerlichen Verstörung der Wähler und einer völlig unnötigen Verzerrung ihres simplen Weltbildes. (Nebenbemerkung: „Nekrophilenkonglomerat“, was gesagt zu haben sich Mölzer ursprünglich erinnern wollte, wäre in Sachen Wählernähe nun wirklich der Super-GAU gewesen.)

Abgesehen davon hat sich Andreas Mölzer möglicherweise auch noch anderweitig geirrt und eigentlich eher ein Agglomerat als ein Konglomerat als Vergleichsgröße für die EU gemeint. Ein Konglomerat zeichnet sich nämlich dadurch aus, dass seine Einzelteile erkennbar, aber fest, eigentlich unauflöslich miteinander verbunden sind. Ein Agglomerat hingegen bezeichnet entweder eine Zusammenballung verschiedenartiger Stoffe, die sich wieder vollständig in ihre Bestandteile zerlegen lässt (Chemie), oder einfach eine lose Anhäufung eckiger vulkanischer Steine (Geologie). Wie man es auch dreht und wendet: „Negeragglomerat“ ist ein gleich albernes Wort wie „Negerkonglomerat“ und ergibt ausschließlich innerhalb Mölzers ureigener (oder, weil wir uns gerade im naturwissenschaftlichen Bereich bewegen: autochthoner) Logik einen Sinn. Aber das macht nichts weiter, denn worum es eigentlich geht, steht am Anfang des Nominalkompositums: „Neger“.

Erklärungen, warum „Neger“ im dritten Jahrtausend kein zulässiger Begriff mehr ist, sind so sattsam bekannt wie fruchtlos, also überflüssig. Im Grunde ist es doch nichts als erbärmlich, wenn ein „Intellektueller“ allen Ernstes meint, in seinem totalen Privatkrieg gegen political correctness derart billige Punkte machen zu müssen. Die Höchststrafe für einen wie Andreas Mölzer ist deshalb nicht Empörung. Sondern Mitleid.