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punktierte Linie

Der
Waldbrandstifter

Von Irene Heisz | Ein junger Mann hat aus Versehen einen Wald angezündet. Die Alles-Verzeiher liegen gleich weit daneben wie die Hängt-ihn-höher-Geiferer.

Interessante bis befremdliche Diskussionen spielen sich rund um den Unglücksraben ab, dessen Zigarettenstummel dazu geführt hat, dass in den vergangenen paar Tagen oberhalb von Absam 50 Hektar Wald abgebrannt sind. Halb Tirol hat den Berg live und in Farbe brennen gesehen, die andere Hälfte das spektakuläre Schauspiel in den Medien verfolgt. Kalt gelassen hat das Feuer kaum jemanden.

Die beiden Extrempositionen gehen so: Die einen leben ihren genetisch-katholischen Reflex aus und wollen dem 18-Jährigen jegliche juristische Folgen erspart sehen, weil er offenbar nicht nur selbst zu löschen versucht, sondern auch sofort die Feuerwehr verständigt und sich identifiziert hat, als er sah, was ihm passiert war. Schuld eingestanden, wohl bitterstens bereut – Strafe erlassen!

Die anderen halten Raucher grundsätzlich für Verbrecher und Untermenschen, wünschen dem jungen Mann für die „fahrlässige Herbeiführung einer Feuersbrunst“ (Paragraph 170, Absatz 1, Strafgesetzbuch) also mindestens die Höchststrafe, die ein Jahr Haft bedeutete. Oder noch besser die Anwendung des Absatzes 2, der die Verletzung bzw. Tötung von Menschen (Feuerwehrleute!, Schutzwald, der Lawinen und Muren abhalten soll!!) durch das Feuer behandelt. Der Typ ist Raucher – drei bis fünf Jahre Häfen wären absolut gerechtfertigt!

Der eine wie der andere Standpunkt ist unangemessen und unverhältnismäßig. Der eine, weil dem jungen Mann zweifellos eine strafrechtlich relevante Sache passiert und ein Strafgericht kein Beichtstuhl ist. Reue und der Versuch, das Geschehene wieder gut zu machen, werden in der Regel als mildernde Umstände gewertet. Aber Richter sind nun einmal nicht dazu da, Angeklagte

Meinung

mit einem mütterlichen „Ist schon gut, pass halt das nächste Mal besser auf!“ zu entlassen. Oder als großzügige Jesus-Epigonen aufzutreten und das Strafrecht mit einem „Geh hin und sündige hinfort nicht mehr!“ außer Kraft zu setzen. Im Grunde genommen ist das auch gut so. Denn praktisch lässt sich Subjektivität ohnedies nirgends vermeiden, wo Menschen am Werk sind, aber wenigstens theoretisch möchte man in diesem Leben nicht davon abhängen müssen, einem Richter möglicherweise leid zu tun oder auch nicht, für sympathisch befunden zu werden oder eben nicht.

Die Hängt-ihn-höher-Geiferer wiederum disqualifizieren sich aus dem gleichen Grund selbst, aber von der anderen Seite her argumentierbar: Ihr – zumeist im Schutz anonymer Internet-Postings vorgetragener – vollkommener Mangel an Mitleid und Barmherzigkeit ist weit erschreckender und bedrohlicher als das große Feuer, das durch eine einzige nicht sachgemäß entsorgte Zigarette ausgelöst wurde. Selbstgerechtigkeit ist die sehr, sehr hässliche Zwillingsschwester der Gerechtigkeit.

Ja, der junge Mann hat gedankenlos eine folgenschwere Dummheit begangen. Dass man im trockenen Wald keine glühende Zigarette wegwirft, muss ihm schon einmal zu Ohren gekommen sein. Aber er hat gleichzeitig in einer für ihn sicher fürchterlichen Situation bewiesen, dass er etwas hat, was die Selbstgerechten sich nur einbilden, zu haben: ein hohes Maß an Moral und Anstand. Er hat die Verantwortung für seine Tat übernommen und wird die strafrechtlichen Konsequenzen tragen müssen. Ich wünsche ihm ein Gericht, das eine Möglichkeit findet, Recht und Gerechtigkeit zur Deckung zu bringen und ihn nicht fürs Leben zu ruinieren.