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punktierte Linie

PISA-Verzicht:
Der Aussetzer

Von Irene Heisz | Österreich schwänzt den nächsten PISA-Test. Gut so!

Noch ist nicht klar, ob sich das Leck in Sachen Schülerdaten völlig überraschend und spontan einfach aufgetan hat, ob es sich also um ein selbstauslösendes Leck handelt, durch das Testergebnisse und Lehrer-Kontakte sickerten wie durch ein Nudelsieb. Oder ob da jemand vorsätzlich und absichtlich einen Hacker-Finger in Server-Wunden gelegt hat, um die potenzielle Inkontinenz rumänischer Partner des österreichischen Bundesinstituts für Bildungsforschung (BIFIE) empirisch zu beweisen. Der Unterrichtsministerin ist die Ursache egal, eine Wirkung hat sie sich trotzdem einfallen lassen: Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) nützte die Daten-Malaise als Begründung dafür, kurzerhand sämtliche anstehenden Vergleichstests für Österreichs Schülerinnen und Schüler abzusagen bzw. auszusetzen. PISA, TIMSS und wie sie alle heißen – wie gescheit unsere Kinder im Vergleich mit dem Nachwuchs anderer Länder sind, wird bis auf Weiteres nicht mehr getestet. Damit kommt Österreich ein Garant für eine jeweils tagelang anhaltende innenpolitische und mediale Erregung abhanden. Mehr aber auch nicht.

Wo der Zusammenhang zwischen rumänischen Problem-Servern und der vom BIFIE betreuten PISA-Studie liegt, bleibt unklar (was daran liegt, dass es keinen gibt). Das jedoch ficht die Ministerin nicht an. Sie müsse, erklärte sie, „das Vertrauen der SchülerInnen und LehrerInnen zurückgewinnen“ , bevor sie überhaupt daran denken könne, dem BIFIE noch einmal irgendwelche Tests durchführen zu lassen. Mit dem Vertrauen hätte Heinisch-Hosek theoretisch natürlich Recht, wenn sie praktisch nachweisen könnte, dieses Vertrauen jemals gehabt zu haben. Das darf bezweifelt werden, wobei das, muss man fairerweise dazu sagen, bei Heinisch-Hosek daran liegt, dass sie erst seit wenigen Monaten im Amt ist. Sie hatte schlicht noch kaum Gelegenheit, ihren Teil an Verantwortung zum wohlbegründeten allgemeinen Misstrauen gegenüber der österreichischen Bildungspolitik beizutragen.

Vor dem Hintergrund zahlloser schmerzlicher Erfahrungen mit dem strikt parteizentrierten Weltbild österreichischer Politikerinnen und Politiker

Meinung

ist allerdings auch zu hinterfragen, was die Ministerin mit ihrem Test-Stopp wirklich bezweckt. Die nächstliegende Vermutung ist die wahrscheinlichste: Bei der Überprüfung nationaler Bildungsstandards wie auch beim für 2015 angesetzten internationalen PISA-Vergleichstest könnte herauskommen, dass die Neue Mittelschule (NMS) doch nicht das Allheilmittel ist, als das es die SPÖ gern verkauft – sondern doch bloß eine unbefriedigende Hybridform, nicht ganz Hauptschule, nicht ganz Gymnasium, im Grunde nichts als eine verzweifelte Notwehrmaßnahme gegen die Totalblockade jeglicher Bildungsreform durch die ÖVP.

Wenn gar nicht erst getestet wird, wie NMS-Absolventen dastehen, kann auch nicht kritisiert werden, dass sie womöglich bloß mittelmäßig oder gar schlecht(er als bisherige Hauptschulabsolventen) dastehen.

Dennoch ist Ministerin Heinisch-Hoseks Vorstoß laut und deutlich zu begrüßen. Denn noch fragwürdiger als ihre Motive sein mögen, sind die PISA-Studien an sich (mehr dazu hier). Legionen von Pädagogen, Statistikern, Psychologen und sonstigen Fachleuten in relevanten Arbeitsfeldern haben sich an der OECD-gesteuerten Erziehung des ökonomisch nützlichen Norm-Menschen vergeblich abgearbeitet. Kritik an der wissenschaftlichen Fragwürdigkeit der Tests, an der Methodik, an der Intransparenz der Auswertung usw. prallt an der Organisation für wirtschaftlichen Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) einfach ab, ohne irgendwelche Spuren zu hinterlassen (eine brauchbare Zusammenfassung wichtiger Kritikpunkte an PISA finden Sie hier). Leistungen von Schulsystemen und Absolventen der jeweiligen Systeme zu evaluieren und unter Umständen auch international zu vergleichen, ist nicht grundsätzlich die falsche Idee. Die PISA-Studien jedoch, die seit 2000 alle drei Jahre an 15-Jährigen in aller Welt vollzogen werden, haben sich – jedenfalls für Österreich – in ihrer bisherigen Form als gleich aufwändig wie letztlich untauglich erwiesen, sinnvolle Aussagen über unser Bildungssystem zu treffen oder Impulse zu einer nachhaltigen Änderung des Systems zu geben.