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punktierte Linie

Bisschen schwanger gibt’s nicht

Von Irene Heisz | Österreich hat einen gedopten Langläufer zu Sotchi beigetragen.

Einen Moment lang konnte man reflexartig fast Mitleid empfinden mit dem leichenblassen Bürschlein, das da auf dem Flughafen von Sotchi zusammenhangloses Zeug in ein ORF-Mikrophon stammelte. Dann setzte mein Hirn wieder ein. Wie es – so man einschlägigen Zeugenaussagen glauben darf – interessanterweise auch nach einer professionell dosierten EPO-Kur passieren kann. Wer den Namen Johannes Dürr bisher nicht kannte, also die Mehrheit der Österreicher, der weiß spätestens jetzt, was der junge Mann bis vor ein paar Tagen war: Profilangläufer. Und weil Johannes Dürr landesweite Bekanntheit im nicht sonderlich langlaufaffinen Österreich gern mit bzw. wegen einer Olympia-Medaille um seinen Hals erlangt hätte, hat er sich mit EPO gedopt bzw. dopen lassen. Und wurde erwischt.

Da stand er also, dieser Johannes Dürr, rang um Fassung, kämpfte mit den Tränen, murmelte, dass „es“ ihm leid tue. Und der ORF-Reporter versuchte, dem soeben mit einem riesigen Arschtritt aus dem Olympischen Dorf und dem Österreichischen Skiverband hinausbeförderten, soeben zum ehemaligen Medaillenanwärter avancierten Sportler ein Hintertürchen zu öffnen. „Haben Sie den falschen Leuten vertraut?“, fragte der Reporter fast flehentlich. Und Dürr bejahte.

Da drängen sich dann doch noch einige Zusatzfragen auf.

Erythropoetin (EPO) ist ein Hormon. Es wird im Körper auch natürlich gebildet und zur Bildung roter Blutkörperchen bzw. zur Anreicherung des Blutes mit Sauerstoff benötigt. Synthetisch erzeugtes EPO ist seit Jahrzehnten ein enorm wichtiges Medikament in der Behandlung von Krankheiten – und fast ebenso lange eines der beliebtesten, weil hochwirksamen Mittel bei Ausdauersportlern, die ihre Leistungs- und Regenerationsfähigkeit über ihre natürlichen Grenzen hinaus steigern wollen. Weshalb EPO auch seit 1990 auf der Dopingliste steht. Was jeder Nachwuchsradrennfahrer und -langläufer weiß.

Auch Johannes Dürr hat selbstverständlich gewusst, was er tut und dass verboten ist, was er tut. Was also meint er, wenn er sagt, er habe „den falschen Leuten“ vertraut – einmal ganz abgesehen davon, dass er gleichzeitig beteuert, ein „Einzeltäter“ zu sein und sich das EPO selbst gespritzt zu haben? Kann man von einem erwachsenen Mann erwarten, sich nicht selbst einzureden und auch von niemandem anderen einreden zu lassen, dass EPO-Doping bei ihm im Gegensatz zu allen anderen nicht nachzuweisen sein werde? Kann man davon ausgehen, dass es eines erheblich verdrehten Gehirns bedarf, um zu glauben, dass etwas weniger unmoralisch ist, wenn bzw. weil es viele andere ohnedies auch tun? Und kann man annehmen, dass allgemein bekannt ist: ein bisschen schwanger gibt’s genauso wenig wie

Meinung

ein bisschen weniger verboten, wenn jemand nicht bis zur Unterkante Schädeldecke, sondern nur bis zum Hals vollgepumpt ist mit illegalen Substanzen?

Man kann das alles nicht nur annehmen, sondern muss. Und man staunt über die Mischung aus Chuzpe und Dummheit, die einen Johannes Dürr bei jeder sich bietenden Gelegenheit (zum Beispiel in einem Standard-Interview) Ähnliches zum Thema Doping-Vergangenheit (ha ha!) im österreichischen Langlauf sagen ließ: „Ich denke, wir sind auf einem guten Weg, das ist eine neue Generation. Die Österreicher werden wieder begreifen, dass Langlaufsport nicht gleich Doping ist.“

Begriffen haben wir in der Tat einiges. Zum Beispiel, dass nüchternes Misstrauen eine sehr gesunde Einstellung zum Spitzensport, zumal zu Ausdauersportarten, ist. Gesünder jedenfalls, als patriotisch unterfütterte Heldenverehrung. Und wir haben auch begriffen, was genau es eigentlich sein dürfte, das Dürr jetzt so bodenlos leid tut. Im Grunde wohl nur, dass sein Betrug aufgeflogen ist. Johannes Dürr tut sich leid. Das ist schon ein Mensch zu viel, dem er leid tut, für Sentimentalitäten gibt es keinerlei Grund. Dürr wollte erklärtermaßen der beste Langläufer der Welt werden. Das hat außer ihm selbst keiner von ihm verlangt oder erwartet. Er war dafür nicht nur bereit, sich entsetzlich zu quälen (das tun nämlich ohne jeden Zweifel auch gedopte Sportler), sondern auch, zu lügen und zu verbotenen Mitteln zu greifen. Dieses Konzept ist in der zu Ende gehenden Saison hervorragend aufgegangen. Bis es eben doch schiefging.

Der italienische Sportwissenschaftler Alessandro Donati hat 2007 für die Welt-Antidoping-Agentur WADA erforscht, dass die jährlich weltweit produzierte Menge an EPO-Präparaten den medizinischen Bedarf um das Fünf- bis Sechsfache übersteigt. Seiner Schätzung nach dopen rund 500.000 Menschen mit EPO (die gesamte Untersuchung „World traffic in doping substances“ finden Sie hier). Einige von dieser halben Million müssen die vergangenen zwei Wochen auch in Sotchi verbracht haben, anders ist das nicht zu denken. Insofern ist es weder erstaunlich noch schockierend, dass einer wie Dürr sein Heil in EPO-Doping gesucht hat. Er war garantiert nicht der einzige EPO-Betrüger bei den Olympischen Spielen, sondern nur Einzige, der diesmal aufgeflogen ist. Sehr wohl erstaunlich ist deshalb, wie schockiert Trainer und Funktionäre des Österreichischen Skiverbandes und des Österreichischen Olympischen Komitees auf den Fall Dürr reagieren. Gut möglich bis wahrscheinlich, dass sie tatsächlich nichts wussten. Für Markus Gandler, Peter Schröcksnadel und Karl Stoss, einer erschütterter und enttäuschter als der andere, gilt selbstverständlich die Unschuldsvermutung. Was jedoch für niemanden im System Spitzensport gelten kann, ist die Naivitätsvermutung.