Lesedauer   Lesedauer – für diesen Text benötigt ein durchschnittlicher Leser 2:40 Minuten  (Erklärung hier)

punktierte Linie

Schwarzers
Schwarzgeld

Von Irene Heisz | Hiermit beantrage ich, den 2. Februar mit sofortiger Wirkung als Internationalen Sexisten-Tag zu deklarieren.

Der 2. Februar 2014, das war jener Tag, an dem das deutsche Nachrichtenmagazin Der Spiegel von Alice Schwarzers Steuerbetrug (hier zu finden) berichtete und die Ikone des Feminismus damit der geifernden Meute zum Fraß vorwarf. Ein großer Tag für männliche und weibliche Sexisten, die Schwarzer immer schon für einen Weibsteufel hielten und ihre jegliche Schlechtigkeit zutrauten bzw. unterstellten; ein Tag großer Enttäuschung für viele Feministinnen beiderlei Geschlechts, die sich von der lebenden Legende regelrecht persönlich hintergangen fühlen und entsprechend gekränkt reagieren.

Doch gemach, gemach, was hat Alice Schwarzer verbrochen? Öffentlich gegen Prostitution kampagnisiert und heimlich einen Callgirl-Ring betrieben? Oder wenigstens eine schmutzige Affäre mit Mario Barth, dem Comedy-König des Sexismus, angefangen? Nichts dergleichen. Sie hat mittels eines Kontos in der Schweiz Steuern hinterzogen, nach eigenen Angaben seit den Achtzigerjahren des vorigen Jahrhunderts. Letztes Jahr dann ergriff sie die Möglichkeit, die das deutsche Steuerrecht nun einmal bietet, zeigte sich selbst beim Finanzamt an und zahlte die Steuern, die in den zehn Jahren davor angefallen waren, nach. Was davor war, ist verjährt.

Damit ist nach derzeitigem Wissensstand Alice Schwarzers Steuersituation bereinigt.

Diese Form von Amnestie kann man gutheißen oder auch nicht, das spielt keine Rolle, denn wenn Gesetze gleichermaßen für unbekannte Durchschnittsmenschen wie für Prominente zu gelten haben, dann auch in so einem Fall. Schwarzer ist eine moralische Instanz, und zweifellos haben Steuervergehen auch eine moralische Dimension, weil eigentlich die Allgemeinheit hintergeht, wer das Finanzamt betrügt.

Doch Steuergesetze sind weder die zehn Gebote noch mit der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte zu vergleichen, und das süßlich moralisierende Geschwurbel von „Steuersünde“ und „Beichte“, in dem sich Spiegel und Co. jetzt ergehen, ist unerträglich, weil weit scheinheiliger als Schwarzers Tat. Was diese mit ihrem

Meinung

Lebenskampf für die Menschenrechte von Frauen zu tun hat? Nichts.

Alice Schwarzers Beitrag zur enormen gesellschaftlichen Entwicklung in den vergangenen 40, 50 Jahren ist und bleibt nicht hoch genug einzuschätzen. Ich habe sie vor einigen Jahren im Rahmen eines langen Interviews als blitzgescheite, humorvolle, warmherzige und sehr entspannte Frau kennen gelernt, die immer noch jederzeit bereit ist, auf die Barrikaden zu gehen, wenn sie es für angebracht hält. Ich schätze Alice Schwarzer und bin ihr dankbar dafür, dass sie mit enormem persönlichen Aufwand den Sisyphos-Stein des Feminismus immerhin ein erkennbares Stück des Weges hinauf gerollt hat. Aber ich halte sie nicht für eine makellose Heilige (das liegt womöglich daran, dass ich nicht einmal die meisten Heiligen für Heilige halte), und ich bin oft genug nicht derselben Meinung wie sie. Ich kann mich allerdings nicht an eine Gelegenheit erinnern, bei der ich meine Ansichten über Steuerbetrug mit den ihren abgleichen hätte können. Im Gegensatz nämlich etwa zu Uli Hoeneß, dem Präsidenten des FC Bayern München, dessen Steuergerichtsverfahren im März beginnt, hat sich Schwarzer meiner Wahrnehmung nach nie öffentlich zu diesem Thema geäußert. Und im Vergleich mit Hoeneß‘ von Selbstmitleid triefenden öffentlichen Tränen liest sich Schwarzers eigene Erklärung (hier zu finden) regelrecht nüchtern. Außerdem hat sie schlicht und ergreifend Recht, wenn sie darauf hinweist, dass mit der Veröffentlichung ihres Steuerfalles sowohl das deutsche Steuergeheimnis als auch ihre Persönlichkeitsrechte verletzt wurden.

Das hindert tausende Sexisten zwar erwartungsgemäß nicht daran, an ihrem langjährigen Lieblingsreibebaum Schwarzer nun auch noch genüsslich das Bein zu heben. Enttäuschte Schwarzer-Verehrerinnen wiederum holen flugs die Kettensägen heraus, um sich für ihre Enttäuschung zu rächen. Die einen wittern hämisch frohlockend eine Chance auf Revisionismus, die sie nicht kriegen werden, die anderen schütten in ihrer tiefen Bestürzung das Kind mit dem Bade aus.

Beides ist absurd übertrieben und wird weder der Person Schwarzer noch dem Anlassfall ihres Steuervergehens gerecht.