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Meine persönliche Ekelprüfung

Von Irene Heisz | Aus dem traurigen Leben einer chronischen Dschungelcamp-Ignorantin.

Entschuldigen Sie bitte, dass ich Ihnen meine privaten Probleme aufdränge, aber: Kennen Sie vielleicht hier irgendwo in der Nähe eine Selbsthilfegruppe Anonymer Dschungelcamp-Ignoranten, der ich mich diskret anschließen könnte? Mein Leiden an mir selbst drückt mich enorm, es drängt mich machtvoll dazu, endlich die erlösenden Worte zu sprechen: „Hallo, ich bin die Dagmar (Sie wissen schon, es ist wegen der Anonymität!) und ich schaue immer noch nicht Dschungelcamp.“

Mir ging es ja jahrelang wie allen anderen Ignoranz-Abhängigen: Ich habe mich stur geweigert, mir selbst und der Welt einzugestehen, dass ich überhaupt ein ernsthaftes Problem habe. Zu arrogant, den subtil-hintergründigen Unterhaltungswert dieses zynischen Dauerappells an die allerniedersten Zuschauerinstinkte anzuerkennen? Nein, nein, ich doch nicht – ich verstehe, was das Ganze soll und ich lache mich täglich kaputt darüber, ganz ehrlich! Resistent gegen den bildungstechnischen Mehrwert , den man nirgends so billig kriegt wie bei RTL? Nein, ich schwöre, ich habe nur keine Zeit, jeden Abend fernzusehen. Aber ich könnte, wenn ich wollte, jederzeit locker damit aufhören, das Dschungelcamp restlos uninteressant, todlangweilig und auch sonst zutiefst irrelevant zu finden. Echt jetzt! Tja. Ich bin nicht stolz darauf, aber so habe ich lange Jahre gedacht. Und mir eingeredet, dass es eigentlich ganz in Ordnung ist, diese Marotte zu pflegen. Irgendein Päckchen schleppt schließlich jeder mit sich herum. Meine Familie liebt mich ja trotzdem, und wenigstens ein paar meiner Freunde haben gelernt, mich in meiner Schrulligkeit zu akzeptieren.

Aber irgendwann begann mich doch die düstere Ahnung zu umwehen, dass meine Dschungelcamp-Ignoranz mehr sein könnte als eine im Grunde harmlose Flause.

Ich meine: Immerhin zählt RTL Fantastilliarden Zuschauer täglich, Tendenz steigend. Selbst meine

Meinung

tolerantesten Freunde sind spürbar auf Distanz zu mir gegangen. Und immer mehr Feuilletonisten, die das Prädikat „seriös“ in ihrem inneren Impressum stehen haben, greifen nicht mehr nur mit gerümpfter Nase und spitzen Fingern nach dieser ihrer persönlichen Ekelprüfung. Nein, einer nach dem anderen ist dazu übergegangen, mit einer derart verbissenen Inbrunst Locken auf der spiegelglatten Dschungelcamp-Glatze zu drehen, dass einem schon beim Lesen schwindlig wird. Und sie haben sich insgeheim darauf geeinigt, dass der regelmäßige Dschungelcamp-Konsum höchstens noch mit einem Master in einem Soziologie-Psychologie- und Medienwissenschafts-Dreifachstudium zu vergleichen ist.

Also habe ich all meinen Mut zusammengenommen, mir einen kräftigen Tritt in den Hintern gegeben und mich einer beinharten Selbsttherapie unterzogen. Gestern habe ich mir das Dschungelcamp angeschaut. Eine ganze Folge lang.

Habe ich schon erwähnt, dass ich das Ganze restlos uninteressant, todlangweilig und auch sonst zutiefst irrelevant finde? Und dass die Zuschauerinstinkte, die da gnadenlos penetriert werden, tiefer nicht sein könnten? Schon klar: Millionen Fliegen können nicht irren, wenn sie das nämliche Zeug fressen, in dem sich Dschungelcamp-Bewohner und Dschungelcamp-Zuschauer suhlen. Aber ich habe mich gestern sogar bei dem ketzerischen Gedanken ertappt, dass ich ja gar keine Fliege bin, keine sein will, nie eine sein werde und deshalb auch nicht den geringsten Grund dafür habe, mich von Scheiße zu ernähren. Das war der Moment, in dem mir schlagartig klar wurde: Ich bin ein hartnäckiger, ganz, ganz trauriger Fall.

Deshalb brauche ich wirklich dringend eine ADI-Gruppe, sie ist meine letzte Hoffnung auf Linderung oder gar allmähliche Heilung meines peinlichen Gebrechens. „Hallo, ich bin die Dagmar. Und ich schaue immer noch nicht Dschungelcamp.“