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Paradebeispiel für Matthäus-Effekt

Von Irene Heisz | Wer dringend vorhat, berühmt zu werden, muss dafür sorgen, am Hahnenkamm-Wochenende nach Kitzbühel eingeladen zu werden.

Ist Kitzbühel wichtig, weil sich dort alle treffen – oder treffen sich dort alle, weil Kitzbühel wichtig ist? Und spielt es irgendeine Rolle, ob in Kitzbühel am letzten Jänner-Wochenende Skirennen abgehalten werden?

Frage 2 ist einfach zu beantworten: Nein, eigentlich nicht, die Partys finden mit und ohne Skirennen statt. Zwar setzt der Skiclub Kitzbühel jedes Jahr alles daran, den Schein aufrecht zu halten und das sportliche Hahnenkamm-Programm durchzuziehen. 15 Grad plus und kein Hauch Naturschnee im weiten Umkreis? Oder umgekehrt: ein akuter Hyperaktivitätsanfall von Frau Holle? Ein unangekündigter Besuch der vier apokalyptischen Reiter gar? Alles kein Problem für die Kitzbüheler! Notfalls spielen sie halt ein Schnee-Polo-Turnier mit den biblischen Gruselgestalten, das ist angeblich eh ein todschicker, exklusiver Sport für den Geldadel. Und irgendein Charity-Vorwand wird sich schon finden lassen.

Übermotivierte Skiclub-Funktionäre und durch ihre Nähe zum Geschehen infizierte Lokaljournalisten sprechen dann gern von „übermenschlichen Anstrengungen“. Wer allerdings nicht an chronischer Kitz-Euphorie leidet, könnte das alles auch als absurd hohen Einsatz an Hilfskräften und Geld für – ja, wofür eigentlich? – bezeichnen.

Um Frage 1 zu erörtern, muss man etwas weiter ausholen. Wer dringend vorhat, berühmt zu werden (und sei es nur berühmt dafür, berühmt zu sein), muss dafür sorgen, am Hahnenkamm-Wochenende nach Kitzbühel eingeladen zu werden. Jene, die schon berühmt sind oder noch immer, lassen sich besser von den Veranstaltern dafür bezahlen, möglichst dekorativ bei irgendeiner der „exklusiven“ Partys herumzustehen und etwas Essenzielles in ein „Society-Reporter“-Mikrophon

Meinung

abzusondern. Essenziell natürlich nicht in Bezug auf das Leben oder die Liebe oder wenigstens den Skisport, sondern auf die Essenz von Kitzbühel. Diese besteht darin, dass die Berühmten und jene, die sich aus der Kategorie Z-Promi in Richtung B- oder wenigstens C-Promi hinaufarbeiten wollen, eingeladen oder bezahlt werden… da capo al fine, die Katze beißt sich in den Schwanz.

Das Ganze ist, nüchtern und von außen betrachtet, entsetzlich langweilig und gibt nicht einmal auf der Klatsch- und Tratschebene verwertbaren Gesprächsstoff, weil im Prinzip immer dieselben (bzw. dieselbe Art) Leute denselben erwartbaren Stumpfsinn verzapfen. Und diese verbissene, keinen Widerspruch duldende Behauptung von sorgloser Ausgelassenheit hat eher etwas Verzweifeltes denn einen Unterhaltungswert.

Aber weil wir eben schon im Neuen Testament geblättert haben: Kitzbühel ist – nicht nur, aber besonders am Hahnenkamm-Wochenende – ein Paradebeispiel für den Matthäus-Effekt. So nennt die Soziologie das Phänomen, dass häufig dem gegeben wird, der ohnehin schon hat (und dem, der nichts hat, auch das noch genommen wird, was er gar nicht hat).

Der Volksmund umschreibt das Gleichnis von den anvertrauten Talenten in weit deftigeren Worten, die dasselbe meinen: Der Teufel scheißt auf den größten Haufen. So etwas ist selten ein schöner Anblick, und der Geruch wird auch nicht angenehmer, wenn ein großer Haufen immer noch größer gemacht wird. Aber als Geschäftsmodell scheint die spezielle Art von Kitzbüheler Haufenbildung Jahr für Jahr blendend zu funktionieren. Und wer einen Weg gefunden hat, Stoffwechsel-Endprodukte in Gold zu verwandeln, der hat offenbar alles richtig gemacht.