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punktierte Linie

„Kuah hin,
Kalbl a hin“

Von Irene Heisz | Eugen Freund ist nicht nur ein Quereinsteiger in die Politik, sondern auch ins wirkliche Leben. Das muss man nicht ihm vorwerfen, sondern der SPÖ.

Jüngst hat die SPÖ den pensionierten ORF-Nachrichtenpräsentator Eugen Freund zum Spitzenkandidaten für die Wahl zum Europäischen Parlament am 25. Mai 2014 nominiert. Nun ist das Europaparlament eine Säule der EU-Gesetzgebung und das einzige direkt von den Bürgerinnen und Bürgern gewählte Organ der Europäischen Union, dessen Mitglieder ihren Wählerinnen und Wählern unmittelbar verantwortlich sind. Außerdem kontrolliert das Parlament die Europäische Kommission, die EU-Regierung. Es ist also kein gänzlich unwichtiger Debattierclub, auch wenn sich die innere und äußere Anteilnahme der betroffenen Bürgerinnen und Bürger üblicherweise in sehr engen Grenzen hält.

Insofern und gerade deshalb wäre es möglicherweise eine gute Idee, Menschen nach Straßburg bzw. Brüssel zu schicken, die zumindest ein gewisses Grundinteresse an und eine Ahnung von der politischen und sozialen Wirklichkeit in ihren jeweiligen Heimatländern nachweisen können. Die SPÖ aber hat Eugen Freund nominiert. Das ist keine neue Idee, mit Fernseh- oder Sportprominenz in Wahlschlachten zu ziehen, versuchen mehr oder weniger alle Parteien gelegentlich (und meistens mit mäßigem Erfolg). Ein prononciertes politisches Profil ist für eine Kandidatur offenbar weder vonnöten, noch erwünscht.

Eugen Freund allerdings geht sogar noch einen Schritt weiter und gibt freimütig zu, dass er das Programm der Partei, für die er kandidiert, nicht nur nicht kennt, sondern auch noch stolz auf seine Ignoranz ist. Das könnte politisch überempfindliche Bürgerinnen und Bürger dann doch irritieren.

Wer Herrn Freund bisher nur als in Österreich weltberühmtes Fernsehgesicht kannte – also die meisten seiner präsumtiven Wählerinnen und Wähler –, konnte bis vor Kurzem nicht wissen, wer ihm da als Kandidat anempfohlen wird. Und im Nachhinein muss man festhalten: Für ihn und die SPÖ besser wäre gewesen, es wäre so geblieben. Denn Freund hat uns unmittelbar nach seiner Nominierung in mehreren Interviews (zum Beispiel mit dem Nachrichtenmagazin profil, hier zu finden) dankenswerterweise völlig ungeschminkte Einblicke in sein Welt- und sein Selbstbild gewährt.

Meinung

Eugen, und wie er die Welt sieht: Er ist weder von Fachwissen noch von Bescheidenheit angekränkelt, übelwollende Zeitgenossen könnten sein Selbstvertrauen sogar mit Selbstverliebtheit verwechseln. Und die Niederungen des wirklichen Lebens von Österreichern, die nicht im ZiB-Studio arbeiten, musste der glückliche Mann offenbar schon länger nicht mehr betreten. Das wäre offenbar eine Zumutung für einen, mit dessen Konterfei sie nach seiner eigenen Einschätzung in den USA Busse plakatieren würden. Und der meint, ein durchschnittlicher Arbeiter in Österreich verdiene monatlich 3000 Euro brutto. „Aber ich glaube nicht“, schob der Mann im Stile eines bockigen Kindergartenkindes nach, „dass ich etwas dafür kann.“

Ein Hohlkopf, gab Freund zu Protokoll, sei er nicht, und dieser Selbsteinschätzung ist nicht zu widersprechen. Aber jetzt wissen wir plötzlich auch ziemlich genau, was drin ist in diesem Kopf. Das kann man nur staunend zur Kenntnis nehmen. Eugen Freund ist, wie er ist, seine Freunde werden ihn schon mögen. Das Versagen liegt nicht bei ihm, sondern bei der Partei, die ihn zum Spitzenkandidaten für die Europawahl gemacht hat.

Gut, der SPÖ-Vorsitzende Werner Faymann und seine Parteiorgane hatten zuletzt alle Hände voll mit dem anhaltend katastrophalen Echo auf die österreichische Regierungsbildung zu tun. Aber es ist nicht die klügste aller denkbaren Strategien, den Teufel mit dem Beelzebub austreiben zu wollen bzw. nach dem volkstümlichen Motto „Kuah hin, Kalbl a hin“ zu agieren.

Was hat die SPÖ daran gehindert, ihren Wunschkandidaten vor seiner Nominierung auf seine fachliche und menschliche Eignung abzuklopfen? Was wäre dabei gewesen, ihm vor seinen ersten Interviews einen Crashkurs zu verpassen und ihn mit Kurzzusammenfassungen relevanter Themen, Parteistandpunkte etc. auszustatten?

Das geht notfalls buchstäblich über Nacht. Aber das alles ist entweder nicht passiert, oder Eugen Freund ist bereits am Anfang seiner politischen Karriere vollkommen beratungsresistent. Der Effekt ist derselbe und so oder so verheerend.