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Schwule Fußballer, echte Perversionen

Von Irene Heisz | In Katar ist es im Sommer zu heiß zum Fußballspielen, in Sotschi im Winter zu warm zum Skifahren. Und Thomas Hitzlsperger hat sich geoutet.

Völlig überraschend für die Spitzen des Weltfußballverbandes FIFA hat sich herausgestellt, dass es im Sommer in Katar heiß ist. Zugegeben, 45 Grad sind, zumal in Kombination mit einer durchschnittlichen Luftfeuchtigkeit von 85 Prozent, suboptimale Bedingungen zum Fußballspielen, genau genommen sogar völlig ungeeignet für jegliche Art von Leistungssport. Aber wer, bitteschön, hätte denn so etwas ahnen können? Oder googlen. Oder im guten alten Schul-Weltatlas nachschlagen, wo dieses Katar eigentlich umgeht und wie sich das Klima dort außerhalb luxuriöser Hotelsuiten so anfühlt. Und dass sich bis 2022, wenn die Fußball-Weltmeisterschaft in Katar stattfinden soll, eine kleine Eiszeit am Persischen Golf breitmacht, halten selbst fantasiemäßig sonderbegabte Klimatologen für eher unwahrscheinlich.

Jetzt rauchen in Zürich, wo die FIFA residiert, gewaltig die Köpfe. Aber nicht, weil das Schweizer Klima Ähnlichkeiten mit dem in Katar hätte (nur insofern, als es da wie dort nach richtig, richtig viel Geld stinkt). Sondern weil es zwar vergleichsweise einfach ist, einen Fußballrasen zu beheizen, aber offenbar doch deutlich schwieriger und zudem wohl selbst für Katarer Verhältnisse obszön teuer, riesige Fußballstadien inklusive der Spielfelder auf annehmbare Temperaturen zu kühlen.

Einen Ausweg aus der Hitzekrise orten einige vorwitzige FIFA-Granden darin, die WM auf den Winter zu verlegen. Aber da haben sie die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Die kollektive europäische Fanseele kocht. Der europäische Fußballfan, insbesondere der deutsche, hält sich nun einmal vollkommen zu Recht für den Nabel der Welt. WM über Weihnachten? Die bei der FIFA haben wohl nicht mehr alle Nadeln an der Tanne! Beim Public Viewing unter dem Heizstrahler zu viel Punsch statt zu viel Bier saufen? Un-mög-lich!

Nun wäre es naiv, anzunehmen, dass die FIFA die Weltmeisterschaft 2022 tatsächlich deshalb nach Katar vergeben hat, weil es dem Verband um die höhere Ehre des Sports ginge. Im Grunde genommen geht es bei sportlichen Großveranstaltungen dieser Art schon lange nur noch um die höheren Gewinne der internationalen Sponsor-Konzerne. Und das ökonomische Wohlwollen von Ländern wie eben Katar, die zum Beispiel auf riesigen Erdgasvorkommen sitzen. Insofern ist es vollkommen egal, bei welchen Außentemperaturen die WM wirklich stattfindet.

Und deshalb ist es auch irrelevant, dass ein

Meinung

absolutistisch regiertes Land mit der Scharia als Rechtsgrundlage und einer ausgeprägten Furcht davor, dass gottlose schwule Ausländer die braven einheimischen Heterosexuellen verderben könnten, irgendwie nicht recht ins schöne, bunte, völkerverbindene Bild passen will, das die FIFA so gern malt.

Apropos schwul: Noch mehr Aufruhr als die Termindebatte um Katar und fast so viel Aufregung wie Michael Schumachers verheerender Skiunfall verursacht dieser Tage das Coming-Out von Thomas Hitzlsperger (http://www.zeit.de/sport/2014-01/thomas-hitzlsperger-homosexualitaet-fussball). Der ehemalige deutsche Fußballnationalspieler hat sich kurz nach dem Ende seiner Profikarriere geoutet und erntet von Kollegen, Medien und der deutschen Bundeskanzlerin höchstpersönlich größten Respekt für seinen Mut.

Dazu ist festzuhalten: 1. Erbärmlich, dass es in Fußballerkreisen immer noch einer Eigenschaft wie Mut bedarf, um offen zu seiner sexuellen Orientierung stehen zu können.

2. Mit schwulen Fußballern ist es so ähnlich wie mit schwarzen US-Präsidenten: Menschenwürdig gelöst sind derlei Fragen erst dann, wenn sie einfach niemandem mehr einer Erwähnung wert, weil Alltag sind.

3. Bis 2022 werden die allermeisten der heute aktiven Nationalspieler aller Länder längst auf die Seite der TV-Expertenkommentatoren oder in die Branche der Wettbüro-Besitzer gewechselt haben. Den dann aktiven Spielern können ihre nationalen Verbände ja sicherheitshalber einen amtlich beglaubigten Hetero-Nachweis in den Pass stempeln, damit sie unbehelligt nach Katar einreisen dürfen. Der Österreichische Fußballverband wird sich, wenn alles normal läuft, darüber auch 2022 keine Gedanken machen müssen, und zwar nicht, weil es in Österreich keine homosexuellen Fußballer gäbe.

4. Weit interessanter in Sachen Hetero-, Homo-, Trans- und sonstiger Sexualitäten sind die schon demnächst beginnenden Olympischen Winterspiele. Sotschi hat zwar klimatisch das gegenteilige Problem wie Katar, nämlich zu milde Temperaturen für Winterspiele; aber vor Homosexuellen fürchten sie sich in Russland auch enorm. Dass Doppelsitzerrodeln heuer als olympische Disziplin gestrichen wird, ist dennoch nur ein Gerücht.