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punktierte Linie

Lady Gaga, die NSA und der Papst

Von Irene Heisz | Zeit für eine Bilanz: Mein Wort des Jahres ist „ranzig“.

Zwischen den Jahren, während der kurzen, schmerzlichen Nüchternheit zwischen Punsch-Kopfschmerz und Sekt-Sodbrennen, bleibt Zeit für eine Bilanz. Mein Wort des Jahres ist … (imaginieren Sie an dieser Stelle einen Trommelwirbel, bitte, eine echte Kapelle habe ich jetzt gerade nicht bei der Hand!): ranzig. Ich gebe zu, dieser Begriff war zwar schon früher Teil meines Wortschatzes, aber bis vor Kurzem nur im herkömmlichen Sinn, den das Österreichische Wörterbuch definiert: Wenn Öl oder fetthaltige Nahrungsmittel verderben und ungenießbar werden, riechen und schmecken sie ranzig. Mein Teenagersohn und seine Freunde indes verwenden das Wort für alles und jeden, was bzw. der total daneben, vollkommen jenseits von Gut und Böse, absolut uncool etc. etc. ist – ranzig, eben, im Bedarfsfall einer Betonung auch „volle ranzig“. Und für eine oder mehrere Personen gern in der substantivischen Abwandlung „Ranzhaufen“. Lady Gaga, zum Beispiel, ist ein Ranzhaufen (finden mein Sohn und seine Clique), und Herr Z., der Griechisch-Lehrer, kam auch schon in den zweifelhaften Genuss dieses Prädikats. Sie verstehen?

Was Frau Gaga betrifft, bewegt sie sich glücklicherweise derart am Rande meiner Wahrnehmung, dass ich mich nicht einmal dazu aufraffen muss, sie ranzig zu finden. In meiner persönlichen Ranzhaufen-Hitliste ganz oben stehen dieses Jahr hingegen treuherzige Naivlinge, die beteuern, dass sie ja nichts zu verbergen und deshalb nicht das Geringste dagegen haben, dass jede einzelne ihrer Bewegungen und via Internet getätigten Äußerungen überwacht werden – und das von einer US-amerikanischen Behörde, die uns nichts angeht und die vor allem wir nichts angehen. 2013 wird als das Jahr des Generalverdachts in die Geschichte eingehen: George Orwells „1984“ war ein harmlos-nettes Kindermärchen gegen das, was wirklich ist.

Als ich zuletzt nachgeschaut habe, war da zwar keine Leiche in meinem Keller. Ich habe auch allen Grund anzunehmen, dass ich der Obama-Regierung zurzeit deutlich weniger bedrohlich vorkomme als sie mir. Und das wird wohl so bleiben, da ich nicht plane, auf Autonome Terrorzelle umzuschulen. Aber wer sagt, dass Milliarden gesammelte Datensätze

Meinung

– auch über weltgeschichtlich vollkommen irrelevante Menschlein wie Sie und mich – nicht irgendwann aus den falschen Motiven in die falschen Hände gelangen? Es gibt sie immer, die falschen Hände, und es gibt sie immer, die falschen Motive (und das braucht gar keine obskure politische Ideologie zu sein, da reicht das simpelste, stärkste aller falschen Motive: Geld). Wer also sagt, dass nicht irgendwann Menschen, die über 1,70 Meter groß und Fleischesser sind, zu Feindbildern einer unfreundlichen Macht werden? Also, hey, listen carefully, NSA: Falls ich etwas zu verbergen hätte, ginge es schon meine Nachbarn nichts an, geschweige denn euch in euren klandestinen, größenwahnsinnigen Paranoia-Bunkern! Get the hell off my back, you Ranzhaufen!

Der Lack des liberalen Denkens und der zivilgesellschaftlichen Ermutigung, der Barack Obama für eine schöne, kurze Zeit vor seiner ersten Amtszeit so glänzen ließ, ist längst ab. Vom Nimbus des US-Präsidenten, der im Jänner dieses Jahres für seine zweite Amtszeit vereidigt wurde, ist nichts mehr übrig. Dieses Schicksal steht dem Papst, den die Geschichte heuer überraschend ins Amt gespült hat, noch bevor. Zurzeit befindet sich Franziskus I. noch in der Phase, in der die symbolischen Handlungen und Gesten, mit denen er seinem überlebensgroßen Amt ein menschliches Format verpasst, allerorten helles Entzücken auslösen. Ein Anti-Ranzhaufen, quasi.

Allerdings deutet kein einziges Indiz darauf hin, dass der argentinische Papst in jenen Fragen, die es so vielen Menschen schwer machen, sich weiterhin dieser Kirche zugehörig zu fühlen, auch nur einen Millimeter von den sattsam bekannten steinharten Positionen abzuweichen plant. Gut möglich, dass sich doch bald der eine oder ranzige Beigeschmack in die Franziskus-Verzückung mischt. Ob der Papst (wenigstens) den auf ihre Machtpfründe beharrenden Kräften innerhalb der Verwaltungszentrale Vatikan beikommen und auf diese Art Geschichte schreiben kann, ist noch nicht ausgemacht – zumindest, so weit man das von außen einzuschätzen vermag.

Was wirklich im Vatikan vorgeht, weiß wahrscheinlich sowieso nur die NSA.