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Das Fliegende Spaghettimonster

Von Irene Heisz | So wahr mir der Große Grüne Arkelanfall helfe: Andrä Rupprechter ist ein Marketing-Genie.

Man muss Herrn Minister Rupprechter zu seiner Idee gratulieren: Nicht nur Gottes Hilfe zu erbitten, sondern gleich mit dem ganz schweren katholischen Geschütz, dem „heiligen Herzen Jesu“, aufzufahren, ist ein nachgerade genialer Marketing-Coup. Garantiert keiner vor ihm, der es in diesem Land jemals zu einem Ministeramt brachte, hat es binnen Stunden geschafft, dass buchstäblich jeder seinen Namen kennt. Und über ihn redet. Rupprechters Vorgänger im Landwirtschaftsministerium erreichte diesen flächendeckenden Bekanntheitsgrad nicht einmal, als er sich als herzloser Biene-Maja-Killer entpuppte.

Falls es Andrä Rupprechter also auch nur einigermaßen ernst ist mit seinem zeigefreudigen Katholizismus, sollte er in der Brandenberger Pfarrkirche am besten gleich eine ganze Palette Dankkerzerln anzünden und dazu noch ein paar Quadratmeter Votivtafeln spendieren. Das kommt ihn allemal weit billiger als alles, was irgendeine PR-Agentur für herkömmliche Marketingmaßnahmen verrechnen könnte.

„So wahr mir Gott helfe“ zu geloben, wäre ja noch unkommentiert durchgegangen. „…und vor dem heiligen Herzen Jesu“ indes hat einen wahren Tsunami an Postings in diversen Internet-Foren ausgelöst. Die Irritation hätte größer nicht sein können, hätte Rupprechter beim Großen Grünen Arkelanfall  und vor dem Propheten Zarquon geschworen. Oder sich mit einer Anrufung des Fliegenden Spaghettimonsters  und vor dem heiligen Biervulkan als Pastafari geoutet.

Während eine konservative Minderheit Rupprechter für seinen „Mut“ lobt, seine anscheinend zutiefst traditionalistische Glaubenshaltung öffentlich kundzutun, fühlen sich massenhaft diesseits des 18. Jahrhunderts verortete Zeitgenossen von Rupprechters privater Remissionierungs-Offensive in der Präsidentschaftskanzlei extrem unangenehm berührt. Rupprechter hat eine ziemlich üble Nachrede, noch bevor er irgendeine Amtshandlung als Landwirtschafts- und Umweltminister gesetzt hat.

Das alles ist leicht übertrieben. Aber Fakt ist erstens: Religionsfreiheit bedeutet

Meinung

selbstverständlich, frei von Religion sein und Religion kritisieren zu dürfen, aber ebenso selbstverständlich, eine konservative Glaubenshaltung vertreten zu dürfen. Diese ist sogar vielen Katholikinnen und Katholiken zutiefst suspekt und weit entfernt von ihrer Glaubenswirklichkeit. Aber solange Rupprechter nicht an vorderster Front im Ministerium für Wahrheit  werkt, ist das eine Angelegenheit, die er mit sich selbst und seinem Gott ausmachen muss.

Fakt ist zweitens: Rupprechter, vom Bauernbuben zum hohen EU-Funktionär mit Gamsjagd in Tirol aufgestiegen, ist ein lupenreiner ÖVP-Karrierist. Und seine Haltung passt der Partei unter Michael Spindelegger hervorragend ins rückwärtsgewandte, die gesellschaftliche Realität beharrlich ignorierende weltanschauliche Konzept. Das Wissenschaftsministerium der Wirtschaft zuzuschlagen, weil man sich ein Familienministerium einbildet (statt die Familienagenden dem Sozialen zuzuteilen und Wissenschaft, Forschung und Bildung endlich in einer schlagkräftigen Hand zu vereinen), ist in Zeiten des galoppierenden Wirtschafts-Utilitarismus grober Unfug.

Und Fakt ist drittens: Andrä Rupprechter ist unbestreitbar ein Agrarfachmann und, wie erste Interviews erahnen lassen, ein durchaus rede- und weltgewandter Mann, also vermutlich eine Persönlichkeit mit einigen interessanten Facetten. Mit seiner Gelöbnisformel (und dem folgenden Blasmusik- und Schützentamtam) hat er sich allerdings vorsätzlich in einer Ecke positioniert, in der sehr viele Tirolerinnen und Tiroler schon lange nicht mehr stehen und definitiv nicht stehen wollen. Sie verzichten zu Recht nachdrücklich darauf, mit dieser brachialen Art von Tirol- und Religionstümelei identifiziert zu werden. Wozu denn auch? Rupprechter vertritt nicht das Land Tirol, er ist Bundesminister der Republik Österreich. Seine Aufgabe ist es nicht, ein (in seinem Verständnis) guter Tiroler zu sein. Er sollte hart (und, wenn’s hilft, von mir aus auch mit göttlichem Beistand!) ein guter Minister sein. Ob man das in absehbarer Zeit über ihn sagen wird können, lässt sich a priori weder aus seiner fachlichen Kompetenz ableiten, noch wegen seiner religiösen Inbrunst bestreiten.