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Eduard Wallnöfer, der absolute Tiroler

Von Irene Heisz | Eduard Wallnöfer wäre am 11. Dezember 100 Jahre alt. Überlegungen zum Umgang mit Denkmälern.

Die Tiroler an sich haben einen Hang zu Patriarchen. Und Eduard Wallnöfer ist der Übervater, der absolute Tiroler. Im Positiven wie im Negativen und mit allen Konsequenzen.

Eduard Wallnöfer  (1913–1989) war über Jahrzehnte eine und als Landeshauptmann von 1963 bis 1987 unglaubliche 24 Jahre lang die bestimmende Figur der Tiroler Politik. Um den „Walli“ ranken sich viele Legenden, von ihm sind unzählige Zitate und Anekdoten, aus der kernig-rustikalen Abteilung zumeist, überliefert. Seine Tabakpfeife ist wie eine säkulare Reliquie im Tirol Panorama ausgestellt, der Mann war schon ein Denkmal, überlebensgroß und sakrosankt, lange bevor sie ihm erst neulich eine Büste auf den Bergisel stellten.

Den einen gilt er als Modernisierer, der den Tiroler Bauern in den hintersten Tälern Wohlstand gebracht und den Deutschen eine Autobahn durchs Land gezogen hat, den anderen aber als raffinierter, hierzulande sagt man mit gutem Grund: bauernschlauer Dämon in einem vierschrötigen Körper, an dessen Hinterlassenschaften das Land sich heute noch abarbeitet und bei dem Tempo, das die ÖVP an den Tag legt, noch auf viele Jahre hinaus abarbeiten wird müssen. Eduard Wallnöfers 100. Geburtstag am 11. Dezember bietet sentimentalen Bewunderern viele willkommene Gelegenheiten, sich an den Sockel zu schmiegen. Und gnadenlosen Kritikern ebenso viele Gelegenheiten, mit grobem Werkzeug verbissen auf dieses Denkmal einzuschlagen.

Es ist zwar unvermeidlich, aber doch immer problematisch, historische Persönlichkeiten vor dem Hintergrund eines völlig anderen Zeitgeistes zu beurteilen. Und auch im Zusammenhang mit Eduard Wallnöfer ist an die Banalität zu erinnern: Fast nichts im Leben ist nur tiefschwarz oder nur strahlend weiß und kaum ein Mensch so gut oder auch so schlecht wie sein Nachruf.

Auf möglichst jeden Gipfel einen Lift zu bauen, hat zweifellos für einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung und einen nie gekannten Wohlstand in den bitterarmen Tiroler Tälern gesorgt, wirkt heute aber, da wir ein ökologisches Bewusstsein entwickelt haben, brutal und rücksichtslos. Dafür zu sorgen, dass die Tiroler Bauern Verfügungsgewalt und Genussrechte an so viel Grund und Boden wie nur irgendwie möglich erhalten haben, mag aus Sicht eines selbst in kleinen Verhältnissen aufgewachsenen leidenschaftlichen Agrarfunktionärs verständlich gewesen sein, spaltet das Land aber heute tief (Stichwort: Gemeindeguts-Agrargemeinschaften).

Eduard Wallnöfers Lebens-, Wirkungs- und Nachwirkungsgeschichte bildet in aller Schärfe ein Stück Tiroler Zeitgeschichte ab. In ganz besonderer, auch besonders schmerzvoller Weise gilt das für sein Verhältnis zum Nationalsozialismus.

Wallnöfer war kein Widerstandskämpfer, das mit Sicherheit nicht, er war, so viel scheint ebenfalls gesichert, auch kein überzeugter Nazi. Wie der verdienstvolle Innsbrucker Historiker Horst Schreiber in einem Aufsatzausführlich darstellte, dürfte Eduard Wallnöfer mit seinem Antrag, in die NSDAP aufgenommen zu werden, das Opportune getan haben, das ihm den Verbleib in der landwirtschaftlichen Verwaltung ermöglichte.

Meinung

Eduard Wallnöfer hat sich nicht hervorgetan. Weder als Täter noch als Widerständler. Nur als ausgewiesener Agrarexperte. Das machte ihn zum Systemerhalter, wie wiederum Schreiber ausführt. Mehr aber auch nicht.

Interessanter als Wallnöfers Mitgliedschaft bei der NSDAP ist insofern, wie Wallnöfers Weggefährten und (politische) Nachkommen darauf reagierten, dass diese Parteimitgliedschaft 2005 bekannt wurde: nämlich bis auf den Grund ihrer Herzen empört und bis ins Mark angewidert. Aber nicht etwa davon, dass Wallnöfer diesen Teil seiner bewegten Geschichte immer verschwiegen hat, sondern davon, dass das Thema überhaupt öffentlich diskutiert wurde.

Das ist symptomatisch für den Umgang Tirols (und ganz Österreichs) mit der nationalsozialistischen Vergangenheit. Von „Bewältigung“ mag man nicht sprechen. Vielmehr von einem großen Verschweigen, einer stillen, aber kaum je schamhaften Übereinkunft, am besten so zu tun, als ob der größte und entsetzlichste Bruch in der Neuzeit auf wundersame Weise hierzulande nie stattgefunden hätte.

Nach 1945 und zwar noch lange danach fanden sich reihenweise kleine und große „ehemalige“ Nazi bei ÖVP, SPÖ und natürlich beim FPÖ-Vorgänger VdU. Reihenweise Nazi in allen öffentlichen Funktionen und Ämtern, in den Schulen und Vereinen, auf Ehrentafeln und unter Verdienstordensträgern. Und Kurt Waldheim ? War glücklicherweise kein Tiroler.

Dass die Nationalsozialisten höchsten Wert darauf legten, das völkisch Deutsche in den alpenländischen Traditionen zu betonen und zu fördern, kam den Tirolern zupass, vor, während und nach dem auf 1000 Jahre angelegten Projekt. Und es fällt uns heute noch immer und immer wieder tonnenschwer auf den Kopf, weil sich das offizielle Tirol jahrzehntelang geweigert hat und erst nach und nach unter größtem Druck dazu durchringen kann, eine wahrhaftige Erinnerungskultur zuzulassen, zu finanzieren, gar aktiv zu pflegen.
Nachgeborene tun nur allzu gut daran, nicht einmal für sich selbst die Hand ins Feuer zu legen, wenn es um die Frage geht, wie heldenhaft sie selbst sich gegen ein faschistisches Regime stemmen würden. Sich jenen, die es im Nationalsozialismus aus Feigheit oder Bequemlichkeit nicht getan haben, moralisch und ethisch überlegen zu fühlen, ist sehr einfach. Solange man nicht selbst auf die Probe gestellt wird.

Man möchte aber annehmen, dass es heute doch eine vergleichsweise kleine Probe sei, sich offen und ehrlich mit dem Nationalsozialismus auseinander zu setzen. Es muss möglich sein, die Lebensläufe von Künstlern und Politikern sowie die Chroniken von Musikkapellen, Trachtenvereinen und Schützenkompanien differenziert anzuschauen und die Brüche klar zu benennen. Ansätze dazu sind vorhanden, doch auch das Reaktionsmuster von 2005 wiederholt sich immer wieder.

Eduard Wallnöfers 100. Geburtstag am 11. Dezember könnte auch ein Anlass sein, den richtigen Umgang mit Denkmälern zu üben. Sie blindwütig zu zertrümmern und so zu tun, als ob es sie nie gegeben hätte, ist keine Lösung. Aber noch weniger klug ist es, sich vor ihnen mit gesenktem Blick auf die Knie zu werfen.