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PISA: Warum wir nun besser sind

Von Irene Heisz | Die Politikerwortspenden stellen meine Geduld auf die Probe.

Aufgabe 1: PISA-Test ist regelmäßig, aber nur ein Drittel so oft wie Weihnachten. Rechne im Kopf aus, wie viele Jahre die österreichische Bildungspolitik jeweils schlafen muss, bis sie wieder Ergebnisse eines PISA-Tests kommentieren muss!

Aufgabe 2: Wenn wir jetzt, mit der PISA-Studie des Jahres 2012 (nähere Informationen darüber sind hier zu finden), wieder auf dem Stand des Jahres 2000 angelangt sind, wie viele weitere PISA-Tests brauchen wir dann, um auf jenem Stand anzukommen, den wir eigentlich 2012 haben hätten sollen? Rechne das Ergebnis auf Basis der Annahme, dass zwischen zwei PISA-Tests jeweils drei Jahre vergehen, auch in Jahre um!

Bevor Sie fragen, gebe ich freiwillig zu: Ich war in Mathematik keine Leuchte. Ich bin nicht stolz darauf, dass ich mich einst deutlich mehr schlecht denn recht durch diesen Teil der Matura gewurstelt habe, aber meine Vorlieben lagen (und liegen) nun einmal auf anderen Gebieten. Solche wie mich muss es auch geben, und ich kann zum Beispiel ziemlich gut lesen. Auch zwischen den Zeilen.

Das Schlüsselwort ist „Sinnerfassung“. Und wenn ich versuche, den Sinn – oder sagen wir ruhig: den tieferen Sinn – der Politikerwortspenden zu den Ergebnissen des jüngsten PISA-Tests zu erfassen, stellt das weniger mein Lesevermögen als meine Geduld auf die Probe. Aus diversen Teil- und Vergleichsergebnissen der Studien vergangener Jahre sowie der teilnehmenden Länder untereinander können nämlich im Grunde genommen nur sehr wenige haltbare Aussagen abgeleitet werden:
1. Österreichs Jugendliche haben sich in den Ranglisten verbessert. Gleich wahr und gleich wenig aussagekräftig wie dieser Satz ist: Kinder aus anderen Ländern sind in den Ranglisten zurückgefallen.
2. ist es wie eh und je ein gleichsam unüberwindliches Hindernis im Schulsystem, aus einer Migrantenfamilie zu kommen. Das ist eine Schande für das System und dumm.
Und 3. halten es Eltern wie Lehrpersonen offenbar nach wie vor für überschätzt, Mädchen nachdrücklich die Lebensnotwendigkeit und Schönheit mathematisch logischen Denkens zu vermitteln. Das ist – siehe 2.!

Man könnte über diese Punkte diskutieren. Man könnte, wenn es einem in irgendeiner Weise um die Sache ginge, auch über Sinn und Unsinn von Ranglisten in der Bildungspolitik reden. Über die Möglichkeit oder Unmöglichkeit, vor dem Hintergrund zutiefst unterschiedlicher gesellschaftspolitischer Wertesysteme global einheitliche Bildungsstandards zu definieren und abzuleiten (der Ferne Osten, zum Beispiel,

Meinung

dessen Kinder bei PISA herausragend abschneiden, ist europäischen Ideen von Erziehung und Kindheit nicht nur geographisch sehr fern). Über den Unterschied zwischen der Bildung wacher, kritischer, selbstständig denkender Weltbürger und der Züchtung stromlinienförmiger globaler Einheitskonsumenten, die es schon für einen heroischen Nachweis ihres Nonkonformismus halten, Lady Gaga nicht so toll zu finden.

Man könnte. Und käme dann womöglich zu dem Schluss, dass PISA-Studien nur begrenzt bis gar nicht dazu taugen, all diese Themen sinnvoll abzubilden. Deshalb beschränken wir uns in Österreich sicherheitshalber von vornherein darauf, ergriffen dem penetranten Klingeln zu lauschen, das beim Wechseln von politischem Kleingeld entsteht. Dieses Ranking führt Beamtenministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) an, die weiß, woran die Ranking-Verbesserung liegt: an der Neuen Mittelschule. Einmal abgesehen davon, dass ordentlich zu lesen, zu schreiben und zu rechnen grundsätzlich in der Volksschule gelernt werden muss (oder eben nicht, und dann wird alles Weitere extrem schwierig), liegt in der Behauptung auch noch ein weiterer Denkfehler. Die Neue Mittelschule wurde im Schuljahr 2008/2009 an einzelnen Schulen in Österreich als Schulversuch eingeführt und ersetzt erst seit dem Schuljahr 2012/2013 flächendeckend die Hauptschule; die diesmal getesteten Jugendlichen sind aber Geburtsjahrgang 1996. Das geht sich, wie man es auch dreht und wendet, nicht aus.

Platz 2 geht an ÖVP-Vizekanzler Michael Spindelegger. Der weiß auch etwas, nämlich dass die Trendumkehr an den Lehrern liegt. Beziehungsweise an deren „Anstrengungen“. Irgendwann in den letzten Jahren muss vollkommen unbemerkt von allen ein Wunder geschehen sein: Dieselben Lehrer, die vorher massenweise schlechte PISA-Ergebnisse produzierten, produzieren 2012 urplötzlich und ebenso massenweise viel bessere Ergebnisse? Warum genau? Weil sie neuerdings so viel besser motiviert sind als noch vor ein paar Jahren? Ja, klar, hundertprozentig!

Und Platz 3 sichert sich Robert Lugar vom Team Stronach mit einer höchst originellen These: Österreichs Schüler seien nicht in Mathematik besser geworden, sondern bloß im Schummeln. Wenn Stronachs Truppe so weiter macht, wird das bei diesen Herrschaften nie mehr was mit einer Ranking-Verbesserung.

Aufgabe 3: Erörtere in eigenen Worten: Wie kann man einen Sinn in Wortmeldungen erfassen, deren einziges Ziel ist, zu verschleiern, dass sie gar keinen Sinn haben?