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punktierte Linie

Ultrarechte und Selbstgerechte

Von Irene Heisz | Wenn wir Ewiggestrige nicht ignorieren können, sollten wir sie auslachen.

Stimmt zu, wer schweigt? Nicht immer und nicht automatisch. Darf sich nur als aufrechter Demokrat fühlen, wen es unwiderstehlich dazu drängt, sich lautstark über jeden einzelnen Schmutzrand unter den buntlackierten Fingernägeln der rechten Hand der Gesellschaft zu empören? Manchmal bedeutet zu schweigen einfach nur, sich nicht blindlings in einen gut gemeinten, unter Umständen jedoch kontraproduktiven Empörungsautomatismus zu stürzen.

Es gibt sie zweifellos, diese Ränder. Sie sind hartnäckig. Und sie als lediglich „konservativ“ zu bezeichnen, wäre fahrlässig verharmlosend und eine Beleidigung konservativer Menschen. Die offenbar zurzeit bestimmenden Kräfte in der höchst umstrittenen „Deutschen Burschenschaft“, die sich dieser Tage in Innsbruck wohlig zusammenkuscheln wollen, sind selbst manchen Rechten deutlich zu rechts. Das sagt eigentlich schon alles, was es über diese Herren zu sagen gibt.

Warum also setzen wir, die demokratische Zivilgesellschaft, nicht mit der größtmöglichen Gelassenheit und Souveränität den antifaschistischen Grundkonsens als Normalzustand voraus? Warum lassen wir uns von ein paar obskuren alten, neuen oder sonstwie verdächtig treudeutschen Gestalten immer wieder zu Beteuerungen unserer aufrechten Gesinnung nötigen: „Ehrlich, ich schwöre bei allem, was mir heilig ist, ich bin total gegen Faschismus!“ Ja was denn sonst, um alles in der Welt?

Wenn wir sie schon nicht ignorieren können, dann sollten wir sie rundheraus auslachen, die Ewiggestrigen, die im 21. Jahrhundert allen Ernstes eine Menge Zeit und Aufwand in die Ausarbeitung eines „Ariernachweises“ investieren. Diese akademisch gebildeten völkischen Kleinstgeister, die offenbar eine Höllenangst vor allem haben (und zu schüren versuchen), was nicht deutsch ausschaut, deutsch spricht, deutsch riecht, deutsch schmeckt und sich deutsch anfühlt. Abgesehen davon, dass so etwas indiskutabel stumpfsinnig und glücklicherweise hierzulande längst weit weg von irgendeiner gesellschaftlichen Realität ist, ist es vor allem eins: hochgradig lächerlich. Man könnte auch sagen: Solange die – nach ihrer eigenen Einschätzung, versteht sich – genetisch überlegenen deutschen Intellektuellenkräfte mit derlei Abstrusitäten gebunden sind, richten sie wenigstens nichts ernsthaft Bedrohliches an.

Meinung

Selbstverständlich ist es ein demokratisches Grundrecht und jedem Menschen unbenommen, politische Anliegen – sofern sie mit der Verfassung und den Gesetzen unseres Staates vereinbar sind – kundzutun und auf der Straße zu vertreten. Es ist also logischerweise auch Radikalen aller Couleurs schwerlich zu verbieten, zu denken, was sie eben denken, und in Versammlungen darüber zu diskutieren. Die Zivilgesellschaft sollte, nein: muss sich den Optimismus leisten, zu glauben, dass unsere Demokratie das aushält. Definitiv weder angebracht noch demokratiepolitisch nötig ist es, Extremisten von der öffentlichen Hand verwaltete Räumlichkeiten zu vermieten. Und nach dem skurrilen Gezerre um die Messe Innsbruck wird das zumindest dort auch nicht mehr möglich sein, wenn sich nämlich die Gesellschafter Stadt Innsbruck, Land Tirol, Wirtschaftskammer und Tourismusverband tatsächlich darauf einigen, die Einnahmen aus Saalvermietungen an solche Leute künftig privaten Anbietern zu überlassen.

Gewonnen ist damit allerdings nichts, ebenso wenig wie mit einer Demonstration gegen ein Burschenschafter-Treffen an welchem Ort auch immer. Mit 500, 2000 oder auch 5000 Gleichgesinnten „gegen rechts“ zu demonstrieren, ist einfach. Es erfordert weder Mut noch Zivilcourage, ja nicht einmal ein besonders wachsames politisches Sensorium. Und es richtet nicht das Geringste gegen weithin verbreitete, meist achselzuckend akzeptierte alltagsrassistische und -faschistische Tendenzen aus. Es zeugt hauptsächlich von einer ritualisierten Lust an Events und einer gewissen, nicht sonderlich präzise justierten Selbstgerechtigkeit.

Insofern ist fraglich, ob eine Demonstration wirklich das geeignete Mittel zum Zweck der Ächtung von Rechtsextremismus ist. Denn im Grunde tun die Ultrarechten und die Selbstgerechten einander einen Gefallen. Die Ultrarechten ermöglichen den Selbstgerechten, sich und einander ihrer ehrenhaften politischen Haltung zu versichern. Das ist als Ergebnis einer wochenlangen Erregung natürlich nicht unanständig, aber doch ein bisschen dürftig. Die Ehrenhaften jedoch schaffen mit ihrer gut gemeinten Empörung den Ultrarechten eine bequeme Plattform und ein monströses Maß an Aufmerksamkeit, sprich: eine unbezahlbare Gelegenheit, sich lustvoll an ihrem Desperado-Dasein zu ergötzen und salbungsvoll von der gefährdeten Freiheit ihrer abseitigen Meinungen zu faseln.