Lesedauer   Lesedauer – für diesen Text benötigt ein durchschnittlicher Leser 2:55 Minuten  (Erklärung hier)

punktierte Linie

Zumutung mit Variationen

Von Irene Heisz | Österreichs Bildungspolitik ist ein Schlachtfeld.

Als sich vor mittlerweile 13 Jahren mein Sohn anschickte, aus einem Ehepaar eine Familie zu machen, war die österreichische Innenpolitik wochenlang von einer Schuldebatte beherrscht. Ich erinnere mich, dass ich damals mit einem Seufzer der vorausschauenden Erleichterung dachte: „Bis unser Kind so weit ist, wird dieses unsägliche Herumeiern längst Geschichte sein.“ So kann man sich täuschen.

Gegen Ende des Jahres 2013, unser Sohn hat inzwischen die 7. Schulstufe erklommen, sind wir in der Debatte über das österreichische Schulsystem, über Lehrerarbeitszeiten, über Gesamt- und Ganztagsschulen, Unterrichtsbeginnzeiten, den Unsinn von 50-Minuten-Schulstunden, die fehlende Durchlässigkeit des Systems usw. usw. keinen einzigen Schritt weiter als vor 13 Jahren. Oder noch einmal 14 Jahre zurück, als ich selbst maturierte.

Das ist eine riesige Zumutung mit allerlei garstigen Variationen. Dass in 35 (!) Verhandlungsrunden zwischen der Regierung und der Lehrergewerkschaft exakt nichts herauskommt, ist so ärgerlich wie lächerlich, zumal es dabei nicht etwa um das Bildungssystem an sich, sondern lediglich um die Nebensache Lehrerdienstrecht ging. Aber keines der verfeindeten Lager auf dem bildungspolitischen Schlachtfeld ist aus der Verantwortung zu entlassen. Was da geboten wird, ist grundfalsch. Unerträglich. Und auf nicht entschuldbare Weise dumm. Nicht genügend. Setzen. Alle miteinander.

Es ist eine Zumutung, dass SPÖ und ÖVP auch nach Jahrzehnten, in denen anderswo reihenweise in jeder Hinsicht erfolgreichere Schulsysteme als unseres erfunden wurden, nicht und nicht in der Lage sind, ihre ideologischen Grabenkämpfe zu beenden und ihre Bildungspolitik an internationalen Best-Practice-Beispielen wie Schweden zu orientieren. Stattdessen ergötzt man sich auf der einen Seite an im Grunde bloß kosmetischen Maßnahmen wie der Erfindung der „Neuen Mittelschule“ und auf der anderen Seite daran, dass die Gymnasien, dieser Fetisch des vermeintlichen (Wiener) Bildungsbürgertums, schon noch ein paar Jährchen durchhalten werden.

Es ist eine Zumutung, dass die Lehrergewerkschafter sich traut, jetzt aber richtig beleidigt zu sein und allen Ernstes „Kampfmaßnahmen in allen notwendigen Intensitäten“ beschließt. (Nebenbei bemerkt: Gleich mehrere, ja sogar alle Intensitäten? Ein

Meinung

Deutschlehrer, der seinen Job versteht, hätte dazu gewiss eine Anmerkung zu machen.) Meine Damen und Herren Lehrergewerkschafter: Haben Sie in den vergangenen zehn, 15 Jahren zufällig einmal irgendwo einen Blick in die Privatwirtschaft erhascht? Glauben Sie wirklich, dass für Ihre Klientel alles gut wird, wenn es so schlecht bleibt, wie es bisher war? Und was genau macht Sie so sicher, dass die Dinosaurier doch irgendwo an einem geheimen Ort überlebt haben?

Und schließlich: Es ist genauso eine Zumutung, zwar einerseits von den Lehrerinnen und Lehrern zu verlangen, sich auf geänderte gesellschaftliche Verhältnisse und ein neues, umfassenderes Berufsbild einzustellen, ihnen aber andererseits nicht die strukturellen Mittel zur Verfügung zu stellen, die nötig wären, um das morsche Schulsystem quasi von unten zu revolutionieren. Nein, bei Weitem nicht alle Lehrerinnen und Lehrer sind grundsätzlich arbeitsscheu, faul und gegen jede Veränderung resistent (und ich sage das nicht nur, weil ich demnächst zum Elternsprechtag antreten muss!). Und ja, es ist kein Wunder, dass viele Lehrerinnen und Lehrer den Arbeitsplatz Schule als zunehmend belastend, frustrierend und jedenfalls nicht freudvoll und motivierend wahrnehmen.

Als Mutter interessiert mich zuerst und zuletzt nur eines, das jedoch nachhaltig: Ich will mein Kind bei fachlich und pädagogisch hervorragend aus- und laufend fortgebildeten, gut motivierten Lehrkräften gut aufgehoben und ausgebildet wissen. Ich will deshalb, dass Schulen technisch anständig ausgestattet werden, dass jede Lehrkraft einen ordentlichen Arbeitsplatz zur Verfügung gestellt bekommt, dass gute oder schlechte Lehrerleistungen nicht von Zufällen wie persönlichem Engagement oder dem Mangel daran abhängen, sondern gerecht evaluiert und honoriert bzw. gegebenenfalls sanktioniert werden können.

Ich will eine Verhaltenspyramide * für ideologisch auffällige Bildungspolitiker und Lehrergewerkschafter. Ich will, dass das österreichische Schulsystem endlich von Grund auf saniert wird. Ich will… Ja, schon gut, ich weiß, dass es das Christkind nicht gibt. Und ich leiste mir auch sonst keine Naivität mehr. Ich halte es mittlerweile für erschreckend wahrscheinlich, dass wir immer noch so verbissen wie fruchtlos über dieselben Dinge debattieren werden, sollte unser Sohn meinen Mann und mich jemals, in 13 Jahren vielleicht, zu Großeltern machen.

*) Verhaltenspyramide: ein an vielen Schulen praktiziertes Modell, das Fehlverhalten von Schülerinnen und Schülern abseits von Noten systematisch und in mehreren Eskalationsstufen sanktioniert. Wer die Spitze der Verhaltenspyramide erreicht, kann der Schule verwiesen werden.