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punktierte Linie

Über
Heimatliebe

Von Irene Heisz | Was fürchtet denn der schwarze Mann?

Der Tiroler Landeshauptmann verwahrt sich empört gegen einen Vorwurf, den ihm gar niemand gemacht hat. Von einer Kriminalisierung der Traditionsverbände ist in der seit Monaten durchs Land wabernden Debatte über Volkskultur im Nationalsozialismus nämlich gar nicht die Rede. Dass Günther Platter dennoch „Kriminalisierung“ hört, wenn jemand auf die enge Verstrickung volkskultureller Äußerungen mit der Tiroler Politik auch nur hinweist, spricht nicht gegen den Überbringer der Nachricht und auch nicht gegen die traditionelle Volkskultur. Es sagt aber viel über das von ein paar grundlegenden Missverständnissen und letztlich wohl auch von tiefer Unsicherheit durchzogene Selbstverständnis der herrschenden Klasse in diesem Land.

Der an der Wiener Universität lehrende und forschende Historiker Michael Wedekind hat – im Auftrag des Landes Tirol, aber unter der wesentlichen Voraussetzung, nicht in das System Tirol verstrickt zu sein – kühl distanziert und unter Anwendung der approbierten Methoden seines Fachs ein Gutachten über Tiroler Volkskulturvereine in der Zeit des Nationalsozialismus und über den aktuellen Stand der Forschung zum Thema verfasst. Die wissenschaftliche Sperrigkeit von Wedekinds Gutachten stellt eine nicht gerade niedrige Verständnishürde dar; erst als der Forscher in einem Interview mit der „Tiroler Tageszeitung“ in allgemein verständlichen Formulierungen nachlegte, begann die Lunte zu schmoren.

Wedekinds Untersuchung ergab im Grunde nichts als das ohnehin Offensichtliche, nämlich dass sich die Tiroler Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler (Zeitgeschichte, Musikwissenschaft und verwandte Fächer) durchaus auf der Höhe der Zeit bewegen, viele traditionelle Vereine jedoch keineswegs. Und die Politik auch nicht. Hinzuzufügen ist: Das System

Meinung

Tirol ist selbstreferenziell. Es bezieht sich ausschließlich auf sich selbst und lebt vom trotzig-verzweifelten Mantra, dass „Tradition“ ein nicht hinterfragbarer, außerhalb jeder Kritikmöglichkeit stehender Wert an sich sei. Das ist falsch und unsinnig – auch und gerade im Interesse derer, die Traditionen pflegen. Und es ist vor allem völlig unverständlich.

Denn wen oder was glaubt der Landeshauptmann eigentlich verteidigen zu müssen, wenn er das Aussprechen einer unleugbaren Wahrheit reflexartig als „Kriminalisierung“ diffamiert? Kein auch nur ansatzweise vernünftiger Mensch wird Günther Platter und anderen ÖVP-Regierungsmitgliedern ein Liebäugeln mit dem Nationalsozialismus oder faschistische Tendenzen unterstellen. Warum also fällt es der ÖVP, die die alles entscheidende politische Kraft im Lande ist, so unendlich schwer, entschlossen, gelassen und aufrecht stehend das Richtige zu tun und sich als Speerspitze einer längst überfälligen Aufklärung zu positionieren? Was fürchtet denn der schwarze Mann?

Versäumnisse der politischen Elite entlassen jedoch auch die betreffenden Vereine und deren Funktionäre, die keineswegs zufällig häufig Angehörige der politischen Elite sind, nicht aus ihrer Pflicht. Denn wenn die Trachtler und Marschmusikbläser und all die anderen „Dem Land Tirol die Treue“-Schwörer tatsächlich dieses Land lieben und nicht nur die Wichtigkeit, derer sie sich selbst und gegenseitig ununterbrochen versichern, dann erwächst ihnen gerade daraus die Verantwortung, endlich für Klarheit in ihren eigenen Reihen und in ihren Chroniken zu sorgen. Dumpfe Heimattümelei ist nicht akzeptabel, die ängstliche und oft reichlich ungeschickte Vertuschung brauner Flecken in der Vergangenheit ist keine Form von verantwortungsvoller, zukunftsfähiger Heimatliebe. Sondern tatsächlich eine widerwärtige Vergewaltigung des Begriffes.