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Wunderbare
Vermehrungen

Von Irene Heisz | Die Causa Limburg hat das Zeug zum Flächenbrand.

Mit wunderbaren Vermehrungen kennt sich die katholische Kirche aus, wenn auch normalerweise im Naturalienbereich. Der Neubau des Bischofssitzes im hessischen Limburg an der Lahn hingegen wird als Fall einer wunderbaren Baukostenvermehrung in die deutsche Kirchengeschichte eingehen. Statt der ursprünglich veranschlagten zwei bis fünf Millionen Euro hält man derzeit bei mehr als 30 Millionen. Die Angelegenheit weist also durchaus ähnliche Dimensionen auf wie die biblische Sache mit den Broten und den Fischen. Und sie hat das Zeug zum Flächenbrand.

Der Bischof von Rom hat seinen deutschen Bruder Franz-Peter Tebartz-van Elst zumindest vorläufig aus der Schusslinie genommen und ihm eine „Auszeit“ gewährt. Das ändert allerdings nichts daran: Die Limburger Affäre ist ein Musterbeispiel dafür, wie Kirche und Welt aneinander vorbeileben.

Der künftige Limburger Ex-Bischof verfügt offenbar nicht nur über einen sehr teuren Geschmack, sondern – wie die katholische Kirche überhaupt – auch über ein gutes Gespür für die Macht der Zeichen. Nur dafür, dass die Zeichen, die er bevorzugt, ihre letzte Hochblüte in der Renaissance erlebten, fehlt Tebartz das Sensorium komplett. In Kombination mit dem unvorhersehbaren Pech, dass dem Mann vor ein paar Monaten ein neuer (fast) oberster Chef in die Quere kam, der geradezu demonstrative Bescheidenheit zum weltweit wohlwollend-respektvoll kommentierten ersten Markenzeichen seines Pontifikats erhob, war das Desaster unausweichlich.

Papst Franziskus‘ vergleichsweise zügig gesprochenes Machtwort applaniert möglicherweise die aktuelle Krise, löst jedoch nicht die grundsätzlichen Probleme hinter dem Fall Limburg. Dieser hat einmal mehr bewiesen, dass Krisenmanagement wahrlich nicht die stärkste Seite der katholischen Kirche ist. Die Diözese und Teile der römischen Kurie haben das Problem wochenlang in einer Art behandelt, die wir nur zu gut von jahrelangen Debatten um

Meinung

körperlichen und psychischen Missbrauch in kirchlichen Institutionen und durch Kirchenmänner kennen: reflexartiges Mauern, Ausweichen, Halbwahrheiten (also Lügen) verkünden, von „Kampagnen“ reden und damit die Überbringer schlechter Nachrichten zu Sündenböcken stempeln… Wenig überraschend versagte diese Methode auch in der Causa Limburg erbärmlich.

Dazu kommt: Es hat durchaus Vorteile, dass die katholische Kirche mit dem Vatikan über eine Zentralmacht und mit dem Papst über eine (zumindest in der irdischen Hierarchie) letztkompetente Ansprechstelle verfügt; das Fehlen einer solchen obersten Instanz ist zum Beispiel eines der Probleme, die aus westlicher Sicht im Umgang mit „dem Islam“ auszumachen sind. Die grobe Vernachlässigung der Ortskirchen, die mit dem römischen Zentralismus einhergeht, bewirkte aber auch, dass jeweils lokale Probleme und Skandale immer pauschal „der Kirche“ im weiten Umkreis zugeschrieben werden. Mangelnde Glaubwürdigkeit ist kein lokal begrenzbares Thema. Die Verwüstungen, die der Limburger Bischof mit seinem neofeudalistischen Gehabe angerichtet hat, treffen garantiert nicht nur sein eigenes Bistum, Kirchenbeitragsstellen im gesamten deutschen Sprachraum könnten demnächst statistische Auffälligkeiten zu vermelden haben.

Und schließlich ist eine Kirche, die für sich einen Platz in der Mitte der Gesellschaft beansprucht und sich – in Deutschland wie in Österreich – ihren Dienst an der Gesellschaft zu einem erklecklichen Teil aus Steuergeld finanzieren lässt, der Öffentlichkeit selbstverständlich Rechenschaft in finanzieller und moralischer Hinsicht schuldig. Erstaunlich ist allerdings schon, mit welcher Vehemenz und geifernden Entrüstung sich plötzlich viele über die moralische Integrität der katholischen Kirche Sorgen machen, die eben dieser Kirche jegliche moralische Integrität ohnedies seit Langem absprechen. Aber Scheinheilige und Eiferer sind eben keine Phänomene, die sich auf katholische Kreise beschränken. Nur spricht man dort eher von Pharisäern und Zeloten.