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Europa: Quo vadis?
Der Brexit

Von Karin Lukas-Eder | Eigentlich wollte ich ja wieder einmal etwas Lustiges schreiben und Sie mit belgischen Kuriositäten erheitern. Es tut mir leid, aber bei mir sitzt der Schock über das Referendum in Großbritannien zu tief und das Lachen wird uns allen in Europa noch vergehen, wenn der Trend so weitergeht. Der Freitag, 24. Juni, wird als schwarzer EU-Freitag in die Geschichtsbücher unserer Kinder eingehen.

Die Briten haben abgestimmt. Sie wollen nicht mehr der Europäischen Union angehören. Aber wollen Sie das wirklich? Nach der Abstimmung verzeichnete die Suchmaschine Google noch nie so viele Anfragen von Briten, was ein Brexit eigentlich bedeutet. Wohlbemerkt: NACH der Abstimmung! Eine schwedische Diplomatin hatte für die Brexit-Befürworter schon einen drastischen Vergleich: Ihr kämen diese vor „wie ein Kind, das sich in die Hose macht, im ersten Moment Erleichterung verspürt und nachher trotzdem angepisst ist“.

Europa respektiert die Entscheidung der britischen Bürger, denn es ist deren gutes Recht. Jetzt heißt es, dem „Auf Wiedersehen, Großbritannien“ Druck zu verleihen. Leichter gesagt als getan. Unsere lieben britischen Bürger wollen nicht mehr den EU-Politikern hörig sein, sie wollen selbständig sein, aber die ganzen Vorteile der EU (freier Warenverkehr, freier Dienstleistungsverkehr, Reisefreiheit u.v.m.) wollen sie weiter genießen. Der EU-Vertrag regelt keine Austrittsdebatte. Ein schwieriges Unterfangen, vor dem die EU-Staatschefs jetzt stehen. Und eine Reform der EU gehört da auch noch dazu.

Die ganze Situation macht mich wütend und Sie und alle anderen EU-Bürger sicherlich auch. Großbritannien genießt seit vielen Jahren Sonderkonditionen und tanzt uns jetzt auch noch auf der Nase herum. Aber glauben Sie mir: Das böse Erwachen für die Briten wird kommen. So wie es auch die Schweizer (zwar nicht EU-Mitglied, aber Mitglied des EU-Freihandelsabkommens und als assoziierter Staat) nach dem Referendum erfahren mussten. Die Mitgliedschaft der EU aufzugeben bedeutet zwar mehr Selbständigkeit, sie bedeutet aber auch Ausschluss vom gemeinsamen Europa. Keine Agrargelder mehr, keine Strukturfondsgelder mehr, keine Forschungsgelder mehr, und das, wo Großbritannien in den letzten Jahrzehnten viel mehr Geld von der EU bekommen als selbst

Meinung

eingezahlt hat. Zudem keine Waren- und Reisefreiheit der britischen Bürger, keine Vorteile mehr für die britischen Jugendlichen beim Studium in anderen EU-Ländern und für viele britische Arbeitnehmer bedeutet es auch die verpflichtende Rückkehr ins eigene Land, da diese in anderen EU-Ländern keine Arbeitserlaubnis mehr erhalten. Diese ganzen Aspekte haben in den Reden der Brexit-Befürworter keine Bedeutung gefunden.

Lasst die Briten ziehen. Mehr Sorge bereitet mir, dass auch in Österreich – und besonders in Tirol – die EU-Überdrüssigkeit schon lange auf dem Vormarsch ist. Nährboden für unsere populistischen Parteien, die den Bürgern ein besseres, selbstbestimmtes und in gewisser Weise auch „sauberes“ Österreich versprechen. Es wird bereits von der Vorbereitung eines Öxit gesprochen. Die Medien lieben es, uns mit „Hiobsbotschaften und Schauermärchen“ vom bösen Europa zu beglücken. Liebe Landsleute, bitte befragt die Google-Suchmaschine VOR irgendwelchen Entscheidungen, was Europa und ein Öxit für Österreich und jeden einzelnen von uns bedeutet.

Unsere Fußballer haben die EURO jetzt nicht wirklich „aufgemischt“, aber wir österreichischen Bürger sind intelligent genug, das gemeinsame Europa weit über das Fußballfeld hinaus als ein Privileg und eine Basis für die sichere Zukunft von uns und unseren Nachkommen zu erkennen. Es gibt zu viele Probleme, die ein kleines Land wie Österreich nicht alleine lösen kann. Bitte haben Sie einen Blick auf die Vorteile, die wir als EU-Mitglied genießen und vergleichen Sie diese mit den von den Medien aufgebauschten und sehr oft lapidaren Problemen. Ein EU-Austritt würde uns kein „Österreich als Insel der Seligen“ bringen, sondern ein „Österreich in Isolation“. Die Briten haben sich am 24. Juni in Unwissenheit für die Isolation entschieden und betteln schon jetzt für ein zweites Referendum, um es rückgängig zu machen. Der Zug ist für diese nun abgefahren.