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Niemand will mehr Metro fahren

Von Karin Lukas-Eder | Direkt nach dem Terroranschlag in Brüssel am 22. März habe ich Ihnen in meiner letzten Kolumne erzählt, wie die Menschen darauf reagiert haben. Seitdem ist ein Monat vergangen. Wie sieht die Lage heute aus?

Brüssel lebt – aber die Angst lebt auch. Das ist genau das, was die Terroristen wollten. Nur so einfach ist das nicht mit dem „mutig sein“. Viele Menschen haben nicht mehr den Mut, wie früher furchtlos die Metro zu nutzen und fahren lieber mit dem Auto zur Arbeit. Tagtäglich beobachte ich die Mega-Staus am Morgen und gegen 18 Uhr. Ich selbst gehe zu Fuß, fahre hin und wieder aber auch schon wieder Metro, wenn auch mit mulmigem Gefühl. Die Zugabteile sind seit dem 22. März vergleichsweise quasi leer. Viele Blumen an den Eingängen der Station von Maelbeek verwelken, aber auch vier Wochen nach den Anschlägen kommen immer wieder neue frische Blumen dazu und die Passanten bücken sich täglich, um ausgeloschene Kerzen erneut zu entzünden oder zu erneuern.

Im mittlerweile frühlingshaften Park toben die kleinen Enten- und Vogelbabys herum, die Tulpen blühen in voller Pracht, die Magnolien duften – fünf Meter weiter stehen ein Panzerfahrzeug und vier schwer bewaffnete Soldaten. Polizei und Militär überall. Bei Sirenen- und Hubschrauberlärm zuckt man zusammen, man achtet mehr auf seine Umgebung und alle Passanten.

Erst jetzt werden wir alle mit tragischen Geschichten konfrontiert. Viele sind dem Tod um ein Haar entronnen, da sie zufällig verspätet waren oder ausgerechnet an genau diesem Tag andere Pläne hatten. Ich möchte Ihnen die tragische Geschichte des Arbeitskollegen eines Freundes erzählen. Dieser kam nämlich am 22. März morgens am Brüsseler Flughafen an und stieg zehn Minuten vor der Bombenexplosion in einen Zug ein. Seine Frau rief ihn an und fragte, ob er am Flughafen und gesund sei. Er war nicht mehr am Flughafen, er war bereits im Zug und hatte – vorerst – Glück. Er entkam dem Anschlag am Flughafen knapp. Etwa 40 Minuten später verlor er bei der Bombenexplosion in der Metro sein Leben.

Brüssel beschäftigt jetzt aber nicht nur die Angst, sondern auch die Wut. Hat die Brüsseler Polizei versagt? Hätte man diese Anschläge – die ja gar nicht für Brüssel gedacht waren – verhindern können? Warum hat man die Verdächtigen nicht

Meinung

früher festgenommen? Der Terrorist Abdeslam marschierte nach den Attentaten von Paris viele Tage seelenruhig durch Brüssel. Und gleich nach dem 22. März hat man sämtliche Terroristen festnehmen können. Die Polizei wusste wohl sehr genau, wo alle zu finden waren. Dass da „geschlampt“ wurde, liegt auf der Hand, und das macht auch mich wütend.

Trotzdem möchte ich die Brüsseler Polizei auch ein klein wenig in Schutz nehmen, denn man kann ihr nicht den Vorwurf machen, sie würde nichts tun. Wir haben hier im Europaviertel jeden Monat eine Konferenz von 28 EU-Regierungschefs, die von A nach B gebracht werden müssen, die EU-Gebäude müssen gesichert und sämtliche weitere logistische Vorkehrungen müssen getroffen werden. Außerdem finden hier im Europaviertel regelmäßig große Demonstrationen statt (es kommen z.B. 15.000 EU-Bauern mit Traktoren, Kühen, etc.) und die Brüsseler Polizei hat immer alles im Griff. Für eine reibungslose Abwicklung solcher Ausnahmesituationen benötigen andere EU-Mitgliedstaaten ein halbes Jahr Planung. Unbedingt gesagt werden muss auch, dass die Brüsseler Polizei bei der Subventionierung durch die Gemeinden nicht gerade auf dem ersten Platz steht. Vielleicht sollte man das aufgrund der aktuellen Gegebenheiten auch mal überdenken? Diese Frauen und Männer der Polizei begeben sich tagtäglich in Lebensgefahr.

Lassen Sie mich schließen mit einer erheiternden Begebenheit. Aufgrund der Schließung der Station Maelbeek sind alle Linienbusse in dieser Gegend umgeleitet. Ich steige in den Bus (übervoll, weil niemand Metro fahren will). Plötzlich fragt mich der Busfahrer, ob ich für diese Strecke öfters den Bus nutzen würde, was ich bejahte. Er hat mich dann gebeten, sein persönliches Navigationssystem zu sein, wo er fahren und wo er stehenbleiben müsste, denn er kenne die neue Strecke nicht. So macht man das in Belgien.

Falls nicht neuerlich etwas Schreckliches passiert, verspreche ich Ihnen: Meine nächste Kolumne ist wieder lustig, voll mit solchen Kuriositäten. Ich habe schon viele gesammelt. Passen Sie gut auf sich auf!