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Die Stadt
Brüssel lebt!

Von Karin Lukas-Eder | Aus Rache, aus Prinzip, aus Willkür – nach der Festnahme von Paris-Attentäter Salah Abdeslam stellten sich die Brüsseler auf einen Terroranschlag ein. Und es passierte. Nur wenige Tage später schlugen Terroristen zu.

Am 25. November 2015 wurden wir aufgefordert, das Haus nicht mehr zu verlassen. Gefahr von Terroranschlägen! Nichts ist passiert. Es folgten viele Polizeieinsätze, Razzien, Hausdurchsuchungen, Fahndungen. Vor einigen Tagen dann endlich der große Erfolg: Der gesuchte Paris-Attentäter Salah Abdeslam wurde in Brüssel gefunden und verhaftet. Die Brüsseler Bevölkerung atmete allerdings NICHT auf, war eher beunruhigt. Jeder wusste und war darauf vorbereitet, dass die nächsten Anschläge in Brüssel folgen werden. Aus Rache, aus Prinzip, aus Willkür. Am 22. März 2016 war es dann soweit. Ich brachte meinen Sohn zur Schule. Kurz darauf erreichte mich die Schreckensnachricht, dass am Flughafen Brüssel Bomben explodiert sind. Ich informierte mich auf Facebook, Twitter und via anderen Medien – und war geschockt. Ich machte mich aber doch auf den Weg zu einem beruflichen Termin. Es erreichte mich die nächste Horror-Meldung: Bombe in Metro-Station Maelbeek detoniert. Ich war gerade auf dem Weg dorthin… Und bin umgehend wieder nach Hause gegangen.

Den Tag verbrachte ich zu Hause. Weinend und voller Entsetzen verfolgte ich die Berichterstattung in den Medien. Ich kann nicht aufzählen, wie vielen Verwandten und Freunden ich auf die vielen Nachrichten antworten musste, ob es uns gut ginge. Nach einer Stunde war damit aber Schluss, das gesamte Handynetz Belgiens war zusammengebrochen. Kurz zuvor hatte mich eine Freundin, die Markting-Leiterin des Thon-Hotel in der Rue de la Loi (Metro Maelbeek), noch angerufen und gesagt, sie hätten das Hotel für die Einrichtung eines Lazaretts geöffnet.

Nach der Explosion in der U-Bahn war der gesamte öffentliche Verkehr im Europaviertel zusammengebrochen. Sämtliche großen Gebäude und auch die Schulen wurden abgeriegelt. Doch die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung war

Meinung

unglaublich. Taxifahrer haben Menschen ohne Bezahlung gefahren, Zivilisten haben Verletzte versorgt, Hotels und auch Privatpersonen haben Unterkünfte zur Verfügung gestellt.

Ich war in Sicherheit, hatte aber ein ganz anderes Problem: Mein Sohn war in der Schule. Stündlich verfolgte ich die Medienberichterstattung, ob ich meinen sechsjährigen Sohn endlich abholen dürfe. Versetzen Sie sich in die Lage einer Mutter, die mitten im Terrorwahnsinn sitzt und ihren Sohn nicht zu sich holen darf. Um 15.30 Uhr endlich die Nachricht, dass Eltern ihre Kinder abholen durften. Ich habe so eine Situation noch nie erlebt, aber Eltern standen verzweifelt und weinend vor den Schulen und bettelten, dass man Ihre Kinder herausgeben solle. Mich eingeschlossen. Meinen Sohn brachte ich dann sicher nach Hause, aber nun war die Frage, wann mein Mann sein Bürogebäude verlassen durfte. Er war dort – nur etwa 100 Meter vom Ort des Attentats entfernt -nämlich auch „gefangen“. Er bekam dann gegen 17 Uhr die Nachricht, jeder dürfe das Gebäude verlassen.

Brüssel wieder unter Schock, Belgien in Staatstrauer. Wir trauern um die vielen Toten und beten für die Schwerverletzten. In der Brüsseler Innenstadt wurden Blumen abgelegt und Jung und Alt weinten. Aber wir sind auch stark: Unser „junger“ belgischer König Philippe hat mit viel Mut im Fernsehen verkündet, dass diese Terroristen feige und widerlich seien und wir uns nicht unterkriegen lassen dürfen. Wir lassen uns unsere Freiheit nicht nehmen! Und der Großteil der belgischen Bevölkerung trotzt diesen Terroristen. Die Schulen haben geöffnet (mit erhöhten Sicherheitsmaßnahmen), die Busse fahren wieder (wenn auch schwarz beflaggt), Metros (eingeschränkt) ebenfalls. Ich war am Tag nach den Anschlägen wieder im Büro. Es sind nicht so viele Menschen wie sonst auf der Straße und es ist ruhiger als sonst. Dennoch: Die Stadt lebt!