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punktierte Linie

Scharfschützen anstatt Spitzen

Von Karin Lukas-Eder | Schwere Zeiten für Europa und seine Bürger! Der organisierte Terror hat Einzug genommen. Frankreich wurde nach Charlie Hebdo nun erneut durch mehrere gezielte, verheerende Terroranschläge erschüttert. Paris ist nicht weit weg von uns, mein Schild „Je suis Charlie“ hängt nach wie vor an meiner Bürotür.

Seit Tagen ist in Brüssel die Zeit stehen geblieben. Das öffentliche Leben war am Wochenende tot. Konkrete Drohungen und Hinweise zwangen die belgische Regierung, die Bevölkerung in den Kampf gegen den Terror mit einzubeziehen. Am Samstagmorgen erreichte uns die Nachricht, dass ab sofort in der Stadt Brüssel höchste Terrorwarnstufe gelte. Wir wurden informiert, dass wir das Haus nicht verlassen und auf jeden Fall größere Menschenansammlungen unbedingt meiden sollten.

Die Sonne schien herrlich vom Himmel, es wäre ein wundervoller Samstag im Park oder auf der Shoppingmeile Rue Neuve gewesen. Doch die Straßen waren wie leer gefegt (stellen Sie sich jetzt eine Maria-Theresien-Straße am Samstagnachmittag leer vor!), es herrschte nicht das übliche Samstag-Treiben, es war Totenstille. Die Bevölkerung in Todesangst, verbarrikadiert in ihren Häusern, in Schockstarre. Touristen blieben fern. Alle Großveranstaltungen wurden abgesagt.
Am Samstagnachmittag warteten wir gespannt auf die geplante Pressekonferenz von Ministerpräsident Michel und hofften auf Entwarnung und gute Nachrichten. Dieser Wunsch erfüllte sich nicht, wir bekamen jedoch die Nachricht, dass sich die Lage noch zuspitze und auch für Sonntag der Ausnahmezustand aufrecht erhalten bleibe. Das Militär rückte aus. Auf den Straßen keine Privatpersonen, jedoch Militär und Polizei mit Gewehren, sogar Panzer rollten durch große Durchzugsstraßen.

Ein erschreckendes Bild bot der berühmte, sonst so wundervolle Große Marktplatz im Herzen der Stadt. Wo sonst hunderte Touristen die Zunfthäuser bewundern und fotografieren, Pralinen und Brüsseler Spitzen kaufen, herrschte gruselige Leere und auf den Balkonen des Rathauses standen Scharfschützen.

Den Samstagabend verbrachten wir mit Freunden bei uns zu Hause. Es tat gut, sich abzulenken, dennoch war jeder bedrückt und fühlte sich nicht so wohl wie immer. Insbesondere der Lebensgefährte meiner Freundin, aus belgischem Adelsgeschlecht, lenkte seine Blicke immer wieder auf sein Handy, ob es irgendwelche Neuigkeiten gab. Zu Hause müssen wir keine Angst haben, aber die Angst ist dennoch präsent. Hier ein Dank an die Familie und vielen Freunde aus ganz Europa, die angerufen, gemailt und SMS geschickt

Meinung

haben, um sich zu erkundigen, ob es uns gut ginge und uns Mut zugesprochen haben.

Am Sonntag fiel der traditionelle Besuch am Wochenmarkt aus und auch das Kinderkonzert, auf das mein Sohn und ich uns schon seit Wochen gefreut hatten, wurde abgesagt. Es hat geschneit und wie erklärt man einem Fünfjährigen, dass wir nicht in den Park gehen können? Kurz war ich auf der Straße, um etwas abzuholen. Da rast ein schwarzer Wagen (in 30 km/h Zone) an mir vorbei, vor mir ging ein junger Mann mit einer großen schwarzen Tasche. Terroristen? An einem normalen Tag hätte ich mir nichts dabei gedacht, aber es war eben kein Tag wie jeder andere.

Auch zu Wochenbeginn am Montag war die Terrorwarnung nach wie vor aufrecht. Mittlerweile hatten neben U-Bahn, Geschäften, Museen auch die Kinderkrippen und Schulen geschlossen. Wir sind wie gefangen in den Mauern unseres Hauses. Durch das Fernsehen erreichen uns Bilder vom Militäraufgebot in der Innenstadt, vor den Supermärkten stehen bewaffnete Soldaten. Viele Menschen gehen wieder zur Arbeit, allerdings mit starren und vor allem wachsamen Blicken. Das öffentliche Leben kommt teilweise zurück, von Normalität ist jedoch keine Rede.

Liebe Leserinnen und Leser, die Bilder im Fernsehen über Anschläge und Kriege erreichen uns täglich, doch jetzt sitze ich selbst zusammen mit meiner kleinen Familie mitten im „Krieg des Terrors“. Als passionierte Europäerin und als große Befürworterin der EU habe ich immer das Argument vorgebracht, dass die EU uns den ewigen Frieden bringt. Terror hat es immer gegeben (denken wir z.B. an den Angriff auf das World Trade Center, an die Anschläge der ETA in Spanien oder im Kleinen an die Briefbomben in Österreich), doch jetzt wurde mit dem IS-Terror ein Höhepunkt erreicht. Wer ist schuld daran? Wurde zu lange gezögert und nicht gehandelt? Hat man Hinweise und gefährliche Personen zu spät erkannt und ignoriert?

Bislang ist in Brüssel zum Glück nichts passiert, aber man hat die Personen, die man für mögliche Anschläge auf Brüssel im Visier hat, auch noch nicht gefunden. Eine schrittweise Rückführung in die Realität wird es angeblich erst ab Mittwoch geben. Drücken Sie mir und der Brüsseler Bevölkerung die Daumen, dass alles gut wird.