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Behördengänge: Mehr Frust als Lust

Von Karin Lukas-Eder | Gehen Sie gerne zu einer Behörde? Oder graut Ihnen davor so wie mir?

Ich glaube, es ist in Österreich auch nicht einfach, Behördengänge ohne lange Wartezeiten und ausschließlich mit einem starken Nervenkostüm zu überstehen. Aber jetzt stellen Sie sich das mal im „Ausland“ (in meinem Fall in Belgien) vor und nicht zu wissen, was und wer Sie erwartet. Ich verspeche Ihnen, dass Sie beim Lesen dieser Kolumne den Kopf schütteln und gleichzeitig schmunzeln werden.

Beginnen wir bei den Öffnungszeiten der Behörden. Nicht weiter verwunderlich, ganz normal von 9 bis 12 und von 14 bis 16 bzw. 17 Uhr. Ausnahme sind die Botschaften, da ist Parteienverkehr nur vormittags. Sehr bürgerfreundlich finde ich das Nummernticketsystem. Man tritt ein, zieht ein Nummernticket und wird dann aufgerufen. Blöd nur, wenn man um 10 Uhr kommt und vor einem noch zahlreiche Kunden sind. Um Punkt 12 Uhr (!) wird – obwohl Warteraum noch gut gefüllt – der Rollladen vom Schalter runtergelassen: Mittagspause. Nur eine Möglichkeit: um 14 Uhr wiederkommen und hoffen, dass man diesmal die/der Erste ist, um das Nummernticket zu ziehen (man braucht ein Neues, das vom Vormittag ist nicht mehr gültig). Um 16 bzw. 17 Uhr fällt nämlich wieder der Rollladen. Feierabend!

Am Nachmittag doch endlich geschafft: Ich blicke dem Beamten in die Augen, erkläre, dass ich eine Erneuerung meines zwei Jahre gültigen belgischen Identitätsausweises benötige. Der freundliche Herr begutachtet den alten Identitätsausweis und das von mir vorgelegte Foto für den neuen Ausweises. Randbemerkung: Es war dasselbe Passfoto wie auf dem Alten, ja eh nur zwei Jahre alt. Der Beamte schüttelte den Kopf. Es sei nicht erlaubt, dasselbe Foto wie auf dem alten Ausweis zu verwenden, ich müsse ein neues Foto bringen. Auf die Bemerkung, dass ich mich in den letzten zwei Jahren nicht sonderlich verändert hätte und ich diese Bestimmung nicht nachvollziehen könne, hatte er nur milde gelächelt.

Da ich verärgert bin und wirklich keine Zeit für einen Besuch im Fotoladen vergeuden wollte, komme ich am nächsten Tag wieder, mit einem schönen Passfoto von vor zehn Jahren. Zufällig gerate ich an denselben Beamten. Er lächelt mich an, begutachtet das Foto und meint: „Wunderbar. Dann stelle ich Ihnen gleich einmal den neuen Ausweis aus.“ Dass ich auf dem Foto von vor zehn Jahren ganz anders aussehe als heute, wen interessiert das. Hauptsache ein „neues“ Foto, ohne aktuelle Gesichtskontrolle.

Das schlimmste Szenario jedoch: Man benötigt nicht für sich selbst einen Pass oder Ausweis, sondern auch für das drei Monate alte Baby. So passiert vor fünf Jahren. Alle erforderlichen Unterlagen sowie Fotos vom Baby dabei. Kam die Frage: Wo ist das Baby? Gesichtskontrolle absolut erforderlich. Ach, hier also doch Gesichtskontrolle? Erneuter Besuch, diesmal mit

Meinung

Baby geschlagene zwei Stunden im Wartezimmer des Amtes. Die freundliche Beamtin schaute besorgt auf das Foto des Babys. Nein, so ginge das nicht, denn das Baby müsse die Augen weit geöffnet haben und nicht lächeln sondern ernst schauen. Ich also erneut mit Baby in das Fotogeschäft und es wurden – mit Müh und Not – neue Fotos gemacht. Wie erklärt man einem Baby wie es beim Fotografieren zu schauen hat? Zurück zum Amt. Wieder eine Stunde Wartezeit. Kurz vor dem Nervenzusammenbruch war ich dann wieder dran. Foto nun in Ordnung. Gesichtskontrolle beim Baby. Glück gehabt. Information der Beamtin: Die Ausstellung des Passes dauere circa eine Woche. Kommen Sie bitte dann wieder, mit Baby versteht sich.

Neben mir im Amt saß übrigens eine 90-jährige Dame, hatte sich genügend Zeitschriften mitgebracht, war aber aufgrund des langen Sitzens schon sichtlich beeinträchtigt. Ja, sie komme ja mittlerweile gezwungen schon jedes halbe Jahr hierher, da sie im Ausland wohnhaft ist und ihre Versicherung halbjährlich den Lebensnachweis einfordere. Das hat ja seine Legitimation, um Betrug vorzubeugen, dennoch frage ich mich, ob in unserem Zeitalter mit digitalen Medien tatsächlich unseren alten Mitmenschen der anstrengende Behördengang zwecks Gesichtskontrolle aufgezwungen wird? Die alte Dame lächelte über meine Verärgerung und meinte: „Ich lebe ja noch, deshalb ist es kein Problem. Und Zeit und etwas zu Lesen habe ich auch.“ Nachdenklich ging ich nach Hause.

Eine kleine Anekdote noch zu guter Letzt: Zahlreiche Formulare können heutzutage ja via Internet abgerufen und ausgefüllt, und eventuell sogar per Mail zurückgesandt werden. Bei Steuerformularen geht das hier in Belgien gar nicht. Also wieder in einem Wartezimmer mit Nummernticket eingereiht, mein Problem der diesmal sehr zuvorkommenden Beamtin in französischer Sprache (mein niederländisch ist zu schlecht dafür, deshalb der direkte Weg zur französischen Steuer-Sektion) geschildert und die Formulare zum Ausfüllen erhalten. Abends hatte ich den großen Drang, den unangenehmen Bürokram gleich zu erledigen. Beim Öffnen der Formulare die Ernüchterung: die Formulare waren alle in niederländischer Sprache. So freue ich mich erneut auf ein Nummernticket, das Warten und hoffe auf eine/n freundliche/n, diesmal aber auch kompetente/n und mitdenkende/n Beamten/in.

Abschließend aber gesagt: Es sind nicht alle Behörden so. Mehrheitlich funktioniert bei Behörden von Beginn an alles reibungslos und es arbeitet dort sehr kompetentes Personal. Aber hin und wieder kommen schlechte Organisation, Verdruss der Behördenmitarbeiter, die Unwissenheit sowie Verdruss der Bürger und vielleicht auch Schlampigkeit zusammen und dann kommen wir in den Genuss der kuriosen Geschichten…