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punktierte Linie

Gute Fahrt? Baustellen
mit Haken

Von Karin Lukas-Eder | Von Straßen, Demonstrationen, Baustellen und dem autofreien Sonntag in Brüssel

Die Sommerferien sind vorbei, alle sind aus dem Urlaub zurück und jeder geht wieder seiner geregelten Arbeit nach. Und in der Europa-Hauptstadt Brüssel ist auch schon wieder die Hölle los und die zahlreichen Kuriositäten schreien regelrecht nach dieser neuen Kolumne.

Kürzlich besuchten uns hier im Europa-Viertel die Landwirte, die wegen der niedrigen Milchpreise vor dem Ratsgebäude ihren Unmut kundtun wollten. Sie kamen mit rund 300 riesigen Traktoren, blockierten alle Straßen und legten somit den gesamten Verkehr (auch den Fußgängerverkehr) lahm. Interessant war (und irgendwie witzig), dass durch die Blockade der Traktorfahrer die Busse mit den Demonstranten nicht mehr durchkamen. Somit verzögerte sich der Beginn der Demo, weil eine Demo nur mit Traktoren und ohne Demonstranten ja auch keinen Sinn macht. Schlimm war dann jedoch, dass die verärgerten Bauern in keinster Weise friedlich agierten und wir auf brennende Heuballen und Mülleimer blicken mussten, gefährliche Feuerwerkskörper uns um die Ohren flogen und am Ende die Polizei mit Tränengas ausrücken musste.

Da waren die Taxifahrer letzte Woche schon braver. Sie blockierten zwar auch einen ganzen Tag alle Hauptverkehrsachsen der Stadt, aber die Taxis standen einfach nur da und die Fahrer saßen im Auto und widmeten sich einer Lektüre. Der Grund der Blockade war übrigens der Unmut über UBER, das neue private Taxiunternehmen. Bemerken möchte ich aber, dass vielleicht auch die offiziellen Taxis selbst umdenken sollten. Wenn ich nämlich vollbepackt mit Einkaufstaschen, Postboxen etc. vom Büro aus ein offizielles Taxi nehmen will (sind bis zu mir nach Hause ca. zwei bis drei Kilometer), dann nimmt es mich nicht mit, weil das ist eine „zu geringe Preisfahrt“ (Taxifahrt würde 7,10 EUR kosten). Aber die Fahrt zum Flughafen hätte er gerne! Das sind exakt 14 Kilometer und dafür gibt es einen Fixpreis von 52 Euro. Da nehm ich doch auch lieber UBER… (bis zu mir nach Hause vier Euro und bis zum Flughafen 30 Euro).

Unternehmen leben im Wettbewerb!

Bleiben wir gleich auf der Straße. Neben den Demonstrationen sind dort noch viele weitere interessante, speziell belgische (?) Dinge zu entdecken. Werfen wir einen Blick auf die Baustelle bei mir ums Eck. Die wurde vor drei

Meinung

Wochen aufgebaut und der Berufsverkehr muss aufgrund der Straßensperre weitläufig ausweichen (also wieder mehr Stau). Es wurde die erste Woche auch viel geschafft, nämlich die ganze Straße aufgerissen. Seit zwei Wochen passiert dort allerdings nix mehr. Straße gesperrt, die Maschinen stehen still, keine Arbeiter zu sehen. Nach Rückfrage bei der Kommune Schaerbeek: Es sei das Geld vorübergehend ausgegangen, sie müssten auf neues Geld warten. Na dann wird diese Straßensperre den Autofahrern wohl noch länger sämtliche Nerven kosten.

Man kann es aber auch anders machen. In der Kommune Brüssel Stadt werden die Straßen gerade auch umfangreich saniert. Da scheint das Geld da zu sein, da man die Straße sorgfältig innerhalb von drei Tagen gründlich asphaltiert hat. Etwas wohl zu gründlich und übereifrig, denn auch die seitlichen Abflussrinnen und Regenwasserabflüsse wurden unter Asphalt begraben. In der Not hilft man sich in Brüssel selbst: Da das Regenwasser bei den italienischen Nachbarn in den Keller geflossen ist, es auf die Beschwerde bei der Stadtverwaltung keine Reaktion gab, wurde in einer Nacht-und-Nebel-Aktion der Asphalt bei einem Abfluss einfach selbst von den Italienern rausgefräst. Wenn sie auf Aktionen der Stadt gewartet hätten, würden sie jetzt im Haus mit der Luftmatratze herumschwimmen. Bislang gab es keine Reaktion auf die „Geheim-Fräs-Aktion“ und das Wasser fließt wieder ab. Alle zufrieden.

Gehen wir eine Straße weiter, da dauerten die Bauarbeiten aufgrund der Feiertage etwas länger. Asphalt war weg, aber man hat die Straße zwischenzeitlich wenigstens für den Verkehr wieder geöffnet. Glauben Sie mir, es war lustig, zu sehen, wie die Massen an Autos – im Berufsverkehr versteht sich – in Schlangenlinien um die erhöhten Kanaldeckel durch die Straße gefahren sind.

Zum Abschluss: Jetzt erwartet uns der wohlverdiente autofreie Sonntag. Juhu. In der gesamten Innenstadt keine Autos und alle Straßen frei. Nur auch da gibt es einen Haken: Einmal im Jahr kramen die Leute für genau diesen Tag ihr Fahrrad heraus, es fahren hunderte begeisterte, teilweise unberechenbare Fahrradfahrer herum und man bangt um sein Leben als Fußgänger.

In diesem Sinne: Gute Fahrt! Und auf der Straße immer aufpassen.