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Mein Leben unter Feinschmeckern!

Von Karin Lukas-Eder |
Es liegt klar auf der Hand: Die Belgier sind Feinschmecker! In dieser Kolumne widme ich mich der belgischen Esskultur. Und am Ende kommt wieder eine Kuriosität…

Für das große Interesse an hochwertiger, besonderer und ausgefallener Nahrung gibt es wohl mehrere Gründe. Da hätten wir mal die Nähe zum Nachbarn Frankreich. Die Franzosen sind für Ihre Essenskultur ja weltweit bekannt. Außerdem verbindet ein Kanal die Stadt Brüssel mit dem Meer und ermöglicht täglich frischeste Ware hinsichtlich Fisch und Meeresfrüchte. Und dann wären da die traditionellen, überlieferten Essensgewohnheiten des Landes.

Beginnen wir bei den Gewohnheiten. Die Belgier machen die besten Pommes Frites („Frites“) von Europa und diese essen sie zu allem. Zu Muscheln (Moules Frites), zu Steak (Steak Frites), zum Geflügelfrikassee (Vol au Vent Frites) und zu sonst auch allem. Am Samstag wird grundsätzlich im Restaurant gespeist (die ganze Familie) oder bei Schönwetter gegrillt. Restaurants gibt es wie Sand am Meer. Speisen kann man in allen Preisklassen. Besonders beeindruckend ist die „Rue des Bouchers“ (übersetzt: Metzgerstraße, von den Stadtbewohnern liebevoll „Fressgasse“ genannt) in der Innenstadt. Ein Restaurant reiht sich an das nächste, eines kitschiger als das andere, unschlagbar günstige Preise, besonders bei Touristen sehr beliebt. Auch bei Eiseskälte sitzt man draußen, unter Heizstrahlern. In den Seitenstraßen der Metzgergasse muss man dann aber schon tiefer in die Geldtasche greifen. Da sind die klassischen Brasserien Belgiens angesiedelt. Die gehören den Feinschmeckern, vor allem den „Einheimischen“. Jede Brasserie (bedeutet eigentlich Brauerei, ist aber eine bestimmte Art von Gaststätte) hat eine eigene, besondere Atmosphäre, nur eines ist überall sicher: Man sitzt auf unbequemen Holzstühlen und es ist unvorstellbar eng. Das Essensangebot ist vielfältig, doch der Belgier liebt Fleisch und Meeresfrüchte.

Dass es bei „Vincent“ Fleisch gibt, erkennt man bereits von draußen: Das Schaufenster des Restaurants besteht aus riesigen, an Haken hängenden Fleischstücken, die bei Bedarf dann in die Küche geholt werden. Die Meeresfrüchte-Restaurants sind besonders spektakulär. Vor dem Restaurant sind die verschiedensten Meerestiere (Krabben, Austern, Muscheln, Hummer, etc.) auf Eis gelegt, einige leben noch und blicken einen an, werden aber kurz danach auf einem riesigen, fünfstöckigen Gestell am Tisch serviert. Diese Restaurant-Essen, egal in welchem Restaurant, werden von den Belgiern zelebriert. Mit mehreren Essensgängen, viel Wein und Geselligkeit, stundenlang.

Hier muss unbedingt gesagt werden, dass jeder

Meinung

Belgier seine Lieblings-Brasserie und sein Lieblingsbier (den belgischen Bieren widme ich bald eine eigene Kolumne) hat. Da ist er wie zu Hause. Mindestens einmal die Woche ist er dort, der Chef begrüßt mit Handschlag, man kennt und schätzt sich, man kennt die Speisekarte, weiß dass das Essen ausgezeichnet ist und der Digestif (Schnaps) geht aufs Haus.

Am Sonntag-Vormittag geht der Belgier zum Markt. Man probiert und kauft jede Menge Obst, Gemüse, Fisch und Wurst (und Blumen). Den Abschluss bildet jedoch ein Besuch beim Genuss-Stand und man gönnt sich ein Fisch- oder Schneckensüppchen oder ein paar Austern oder Miesmuscheln. Tintenfisch hat er auch, unser Freund Guy, dem das Standl (eigentlich ein Wohnwagen) gehört. Dazu trinkt man ein herrliches Glas Champagner oder Rosé-Wein. Da trifft man dann auch immer nette Bekannte und tauscht die neuesten Stadtviertelgeschichten oder Gerüchte aus.

Sonntag-Mittag kommt in einem belgischen Haushalt ein Hendl mit Frites auf den Tisch. Jeden Sonntag. Es wird entweder selbst gebraten oder bei einem der umliegenden Metzger bereits gegrillt gekauft (es gibt keinen Metzger in Belgien, der am Sonntag keine gegrillten Hühner anbietet). Hier sind viele Lebensmittelgeschäfte am Sonntag geöffnet, dafür dann an einem anderen Wochentag geschlossen. Besonders beeindruckend ist jedoch die Bäckerei „Au Vatel“, welche 24 Stunden an sieben Wochentagen geöffnet hat. Von 20 Uhr abends bis 7 Uhr früh geht man einfach beim Hintereingang direkt in die Backstube und kauft dort das Brot. Die Bäckerei gibt es wirklich. Nicht gelogen!

Wer nicht nur das Kulinarische, sondern auch das Abenteuer liebt, der kann auch anderes speisen. Zum Beispiel in hohen Lüften. Im Jubelpark, einem der größten Grünflächen der Stadt, ist wie jeden Sommer der berühmte Kran aufgebaut, wo am Haken eine riesige Plattform mit einem gedeckten Tisch hängt. Unten einsteigen (inklusive Essen und Kellner), rauf geht’s in die Lüfte und mit Blick über die Dächer Brüssels zwei Stunden lang (gemütlich?) speisen. Meins ist das nicht, aber jeder soll das tun, was er möchte.

Ich gehe lieber mit meinem Mann und Freunden in meine Stammbrasserie, begrüße mit Handschlag den Chef, lasse mir dort das Fleisch und die Meeresfrüchte zusammen mit meinem Lieblingsbier schmecken. Oh, ich glaube, ich bin wohl schon zu lange in Belgien…