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Und plötzlich geht das Licht aus…?

Von Karin Lukas-Eder | Kein Witz: In Belgien drohen im Winter Stromabschaltungen. Run auf Stromgeneratoren und Holzöfen.

Belgien, das Land mit den beleuchteten Autobahnen und Schnellstraßen. Jedermann bekannt! Angeblich sieht man diese Lichterwege sogar vom All aus (oder ist das doch nur ein Witz?). 335.000 Lampen auf 150.000 Masten. Bewiesen ist: Die nächtliche Beleuchtung bedeutet deutlich weniger Unfälle, angenehmes Fahren und es ist ein Markenzeichen Belgiens.

Doch damit ist jetzt Schluss! Die belgischen Autobahn-Laternen werden ab sofort nicht mehr brennen. Lassen Sie mich aber Hintergründe, andere Szenarien und private Erfahrungen aufzeigen, die sich in Belgien gerade hinsichtlich Strom und Energie abspielen.

Tatsache ist: Jedermann hat Angst. Warum? Mitten im Winter könnte es keinen Strom mehr geben. Und so wie die momentane Sachlage ist, keine Unwahrscheinlichkeit. Belgien verfügt über zwei Kernkraftwerke mit sieben Reaktorblöcken. Aufgrund technischer Probleme (einige Personen sprechen auch von Manipulation?) mussten bereits drei der sieben Blöcke langfristig außer Betrieb gesetzt werden. Es fehlen nun 3000 von ursprünglich 5700 Megawatt Produktionskapazität. Und man rechnet noch mit weiteren Ausfällen. Von einem weiteren Ölleck ist die Rede. Momentan ist die Energieversorgung gewährleistet, doch im Winter steigt der Energiebedarf erheblich an und was passiert dann?

Mein Mann erzählte mir vor längerer Zeit, dass es sein könnte, dass wir mitten im Winter keinen Strom (d.h. keine Heizung, kein Warmwasser etc.) mehr haben könnten. Er hätte mittlerweile für alles vorgesorgt. Tagtäglich kamen Pakete an, mit Stromgenerator, Pumpen, etc. Auch Benzin und Wasservorräte sind mittlerweile in der Garage lagernd. Bis vor einer Woche belächelte ich das Vorgehen, er ist doch einfach so sehr um seine Familie besorgt. Da las ich dann aber zahlreiche Pressebereichte über die Probleme der Reaktoren und bei einem großen Abendempfang kam die Unterhaltung ebenfalls auf die Gefahr der Stromknappheit. Und da offenbarten mir plötzlich hochrangige Beamte, Wissenschaftler aus Belgien

Meinung

sowie andere enge Bekannte, dass sie dieselben Vorkehrungen wie mein Mann schon getroffen hätten. Erlauben Sie mir das Wortspiel: Da ging mir ein Licht auf!

Ich erkenne plötzlich auch die Hintergründe der neuen Werbeinitiativen. Hier kann man sich in Werbeprospekten vor Angeboten für Stromgeneratoren, Holzöfen und vielem mehr kaum retten. Da ist die Branche wohl auf den Zug aufgesprungen: Das Geschäft mit der Angst der Menschen! Oder wollen Sie riskieren, dass im 21. Jahrhundert ihre Kinder im Winter zu Hause erfrieren? Von den Büchern, die heutzutage von vielen Menschen (mich nicht ausgenommen) als „Pflichtlektüre“ empfunden werden (z.B. „Der plötzliche Kollaps von Allem“) nicht zu sprechen.

Bleiben wir optimistisch? Derzeit arbeitet die belgische Regierung an einem Notfallplan, dass es nicht zum Äußersten kommt. Die Städte sollen „nur“ mit zwei bis drei Stunden pro Tag ohne Strom sein. Von 17 bis 20 Uhr. Da kann man sich ja schon einmal darauf einstellen. Meine Familie lebt in der Stadt: Vielen Dank dafür. Auf dem Land sähe das schon anders aus. Da könnte es oft einen ganzen Tag keinen Strom geben. Blackout also. Nun ist es ja in Belgien nicht so kalt wie in Tirol, aber bei ein bis zwei Grad nachts ohne Heizung, ohne Warmwasser… Meine arme Freundin, die auf einem Bauernhof im Pajottenland lebt.

Parallel zu diesem Szenario geht das Leben in der Europahauptstadt munter weiter. Die neue Europäische Kommission wird besetzt. Ein designierter Energiekommissar, der enge Kontakte zur Ölindustrie hat, wird gerade von den Europaabgeordneten befragt (kein weiterer Kommentar). Aktuelle Krisen in und außerhalb Europas werden diskutiert. Dieses Thema „beleuchte“ ich in einer anderen Kolumne – falls ich über Strom verfüge.

Kennen Sie das gerade so beliebte Lied: „Ich lass für Dich das Licht an, obwohl es zu hell ist“ (Band: Revolverheld)? Das können wir uns in Belgien gerade nicht leisten!