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Wahlsonntag! Hingehen? Warum?

Von Karin Lukas-Eder | Wahlplakate überall! Für Europa: Sie haben das Sagen!

Wahlplakate überall. Im Gegensatz zu Tirol haben wir hier in Brüssel am 25. Mai gleich drei Wahlen und die Stadt ist zugepflastert mit Wahlplakaten in allen Größen. Hunderte verschiedene Gesichter grinsen einen an allen Ecken und Enden an. Die Multi-Kulti-Gesellschaft in der Europahauptstadt wird dadurch auch wieder einmal deutlich sichtbar: Man braucht sich nur die Namen der Kandidaten ansehen, die gewählt werden wollen. Kostprobe gefällig? Anne-Marie Croes, Alain Dewez, Ahmed El Ktibi, Vincent de Wolf, Marouan El Moussaoui und viele andere – alles stolze Belgier.

Wie merkt man in Brüssel, dass Wahlen vor der Tür stehen? Seit ich hier lebe, habe ich noch nie so viele Baustellen gesehen wie jetzt. Die Stadt verschönern, das beeindruckt die Wählergemeinschaft. Die Werbung um meine Wahlstimme nutze aber auch ich schamlos aus und versuche, in meinem Wohnviertel Veränderungen hinsichtlich Lebensqualität hervorzurufen. Im Rahmen der letzten Wahlen habe ich zur Verlegung einer Buslinie beigetragen und diesmal engagiere ich mich für die Entschärfung einer gefährlichen Straßenkreuzung. Zu irgendetwas muss der Wahlkampf ja auch gut sein. Und ich freue mich, in so einer Multi-Kulti-Stadt zu sein, mit vielen Ausländern. Ich bin hier nämlich auch Ausländerin! Und kann trotzdem mitreden und etwas bewegen.

Was mir aber noch wichtiger ist: Ich bin aus vollster Überzeugung Europäerin. Ich komme aus Tirol, arbeite für Bayern, lebe in Belgien. Bitte erlauben Sie mir, vor dem Wahlsonntag ein wenig Werbung für Europa zu machen. Es gibt so viele Gerüchte über die „böse EU“. Warum empfinden Sie die EU als „böse“? Zwei böse Beispiele. Da haben wir aus aktuellem Anlass natürlich die Finanzkrise und einige hochverschuldete EU-Mitgliedstaaten. Wer trägt Schuld an der Finanzkrise? Die EU? Nein, es ist Amerika. Aber könnte das Land Österreich die Probleme alleine lösen? Sicherlich nicht, dafür sind wir aber in der EU und die EU-Staaten gehen das Problem gemeinsam an. Dann haben wir noch das Beispiel der berühmten Gurken, die laut EU-Gesetzgebung eine besondere Krümmung aufweisen müssen (dieses Gesetz wurde mittlerweile abgeschafft, die Gurken geistern aber immer noch durch die Medien). Wer wollte denn dieses „Gurken-Gesetz“? Nicht die EU-Politiker, sondern die Industrie! Weil Sie, liebe Leser, wollen in einem Essiggurkenglas ja nicht nur zehn, sondern mindestens zwölf Gurken haben. Und wenn die Gurken nicht richtig geformt sind, dann hätten Sie beim Öffnen des Gurkenglases die negative Erfahrung gemacht, dass nur acht oder zehn Gurken drinnen sind, weil nicht mehr Platz im Glas war. Haben Sie das schon einmal bedacht? Es waren nur zwei Beispiele.
Natürlich könnte ich jetzt Beispiele aufzählen, wo Europa nicht so funktioniert, wie wir es gerne hätten (Transit, Kriminalität, etc). Aber: 28 Staaten arbeiten gemeinsam an Lösungen.

Im Gegensatz zu vielen anderen Medien in Österreich möchte ich Ihnen Europa wieder einmal in positiver Weise näher bringen. Fahren Sie nach Deutschland oder Italien zum Einkaufen? Würden Sie wieder Geld wechseln wollen? Wenn ich nach Großbritannien fahre, zahle ich doch einen großen Teil Wechselgebühren für den Erwerb der

Meinung

Pfund-Währung. Würden Sie gerne wieder an einem Grenzübertritt warten und sich einer Passkontrolle unterziehen wollen? Warum ist unsere Währung trotz der Bankenkrise stabil und Sie müssen sich um die Ersparnisse keine Sorgen machen? Apropos Geld: Österreichs Bauern profitieren von den EU-Agrarförderprogrammen (leider werden in unseren Medien nur Negativ-Beispiele gebracht), Regionen profitieren immens von den EU-Strukturfonds, unsere Wissenschaftler vom EU-Forschungsrahmenprogramm. Österreich bekommt viel mehr Geld aus der EU heraus als es einzahlt.

Zum Abschluss lassen Sie mich noch kurz den Vorbild-Staat (?) Schweiz nennen. Unabhängig, kein EU-Mitglied, Demokratie steht an erster Stelle. Aber haben Sie gewusst, dass die Schweiz seit vielen Jahren „assoziiertes“ Mitglied der EU ist? Und extrem viel von der EU aufgrund dieses Assoziationsstatus profitiert? Jetzt nicht mehr. Ein kleiner Teil der Bevölkerung hat das Land in eine äußerst missliche Lage gebracht. Das positive Votum zum Referendum zur Beschränkung der Einwanderung hat dazu geführt, dass die Schweiz alle Vorteile verloren hat und in den Status „Drittland“ gefallen ist. Keine Fördergelder mehr von der EU, keine hochqualifizierten Arbeitskräfte mehr aus anderen EU-Ländern (Krankenhäuser müssen geschlossen werden, da zahlreiche Ärzte keine Aufenthaltsgenehmigungen mehr bekommen), Jugendliche dürfen nicht mehr an EU-Studien-Austauschprogrammen teilnehmen.

Es ist Europawahl. Und es gibt in Österreich so viele Europa-Skeptiker wie noch nie. Angeheizt von einigen Politikern, die der Ansicht sind, dass wir das gemeinsame Europa nicht brauchen. Wie wollen Sie Ihren Kindern erklären, dass Sie im Gegensatz zu Ihren deutschen oder italienischen oder slowenischen Freunden nicht an EU-Austauschprogrammen teilnehmen können und die Möglichkeit haben, überall in Europa studieren zu dürfen? Wie findet unsere Hotellerie, unsere Industrie qualifizierte Arbeitskräfte? Oder – das schlimmste Szenario – kein friedliches Europa, sondern irgendwann ein neuer Weltkrieg?

Es wird Zeit, dass sich das Stadtbild in Brüssel wieder normalisiert und die Wahlplakate und bald auch die Baustellen verschwinden. Aber zuvor müssen wir uns alle gut überlegen: Wen wählen? Sie wählen die österreichischen Volksvertreter im Europäischen Parlament, ich mache gleich mehrere Kreuze am selben Tag.

Ich gehe bewusst zu drei Wahlen und ich würde mir wünschen, dass Sie auch Ihren Abstecher ins Wahllokal am Sonntag machen und nur dieses eine Kreuz machen. Warum? Bitte denken Sie jetzt ein bis zwei Minuten nach.

Europa sind Sie selbst! Sie leisten einen Beitrag für alle wichtigen Entscheidungen für unser Land, für unsere Zukunft, für Frieden, Freiheit. Sie wählen Ihre Volksvertreter, die Sie auch jederzeit kontaktieren und mit Ihren Problemen und Bedenken belangen können. Nutzen Sie Ihr Mitspracherecht.

In diesem Sinne: Für Europa. Und danke, dass Sie meine Für-Europa-Kolumne gelesen haben.