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Staat und Kind:
Von Belgien lernen

Von Karin Lukas-Eder | Berufstätige Mutter (Maman) sein in Belgien. Gute Mutter? Schlechte Mutter?

Die Zauberfuchs-Kolumne meiner Kollegin Dr. Andrea Koschier habe ich mit großem Interesse gelesen (hier zu finden). Nein, mein 4-jähriger Sohn hat kein ADHS, obwohl er auch ein sehr aktives und aufgewecktes Kerlchen ist, und einem hin und wieder den letzten Nerv raubt. Aber der Beitrag hat mich auf die Idee gebracht, in meiner Kolumne ein anderes Thema anzusprechen, welches mich als Maman (so nennt mich mein Sohn) persönlich betrifft und mit vielen Vorurteilen behaftet ist.

Vorab: Geburtenrate in Österreich: 1,42. Geburtenrate in Belgien: 1,84.

Mein Mann, mein Sohn und ich sind eine kleine, österreichische Familie, wohnhaft in Brüssel. Mein Mann berufstätig, ich berufstätig, mein Sohn geht mittlerweile in eine belgische „Ecole maternelle“ (Vorschule). Kindergarten gibt es in Belgien nicht. Ab drei Jahre geht das Kind in die „Schule“.

Aber gehen wir zuerst zurück zur Zeit der Geburt. In Belgien geht man in Mutterschutz/Karenz, allerdings sind die Rahmenbedingungen aufgrund der Arbeitsverträge etwas anders. Darf man in Österreich als berufstätige Frau bis zu zwei Jahre beim Kind zu Hause bleiben und der Arbeitsplatz wird „frei“ gehalten, so ist der belgische Sozialstaat knallhart! Drei Monate (außer man hat eine Sondervereinbarung mit dem Chef) kann die junge Mutter sich 100 Prozent um das Neugeborene kümmern, anschließend muss sie – wenn sie sich entschieden hat, weiterhin in derselben Firma berufstätig zu bleiben – an den Arbeitsplatz zurückkehren. Ich spreche von den Frauen/Müttern, die berufstätig bleiben wollen.

Mit drei Monaten kommt das Kind in eine staatliche oder private Kinderkrippe (hier muss angemerkt werden: es gibt im Gegensatz zu Österreich keinerlei Probleme, einen Krippenplatz zu erhalten. Sonst würde das System nicht funktionieren.) Erzählt man dies den österreichischen Freundinnen, so schlagen diese die Hände über dem Kopf zusammen. Dann braucht man doch gar kein Kind in die Welt setzen, hörte ich da. So klein und schon weggeben, das ist doch verantwortungslos und grausam. Klar, es tut schon weh, wenn man das Baby so klein in fremde Hände gibt. Und als junge Mutter macht man sich natürlich Gedanken, ob das alles so richtig ist. Aber hier in Belgien schüttelt darüber niemand den Kopf (in etlichen anderen EU-Staaten übrigens auch nicht). Man wird bestärkt durch positive Argumente und positive Erfahrungen. Und erfährt sie schon kurz danach selbst.

Mein Sohn hat die Kinderkrippe „ohne Schaden“ überlebt. Im Gegenteil: er hat die Krippe und seine Betreuerinnen geliebt und schon von klein auf Freunde gefunden. Heute geht er mit Begeisterung in die „Vorschule“. Schule ist von 8.30 bis 15.15 Uhr, anschließend geht er noch für ein bis zwei Stunden in die Kinderbetreuungsstätte. Die Schule ist

Meinung

kostenlos, man bezahlt lediglich die Betreuungsstätte (100 Euro pro Jahr) sowie das warme Mittagessen. Er spricht zwei Sprachen, französisch und deutsch (der hat’s später mal leichter als ich). Seine beste Freundin ist Belgierin, sein bester Freund ist Slowene. In der Schule ist neben viel spielen, basteln, malen und lernen (!) andauernd „Action“. Die Kinder haben einen Garten hinter der Schule angelegt. Im Innenhof kann herumgetollt werden. Sie gehen einkaufen, sie kochen und backen, gehen ins Theater, ins Museum, auf den Bauernhof. Regelmäßig werden Animateure in die Klasse eingeladen, die mit den Kindern spielerisch lernen. Ich staune auch immer wieder, wie die Lehrerinnen mit den 25 Kleinkindern dann so problemlos mit dem Bus irgendwo hinfahren und Ausflüge machen. Vergangene Woche waren zwei Esel in der Schule und mein Sohn ist jauchzend nach Hause gekommen und hat überschwänglich von seinem Esel-Ritt erzählt. Er hat so viele wunderbare Erlebnisse im Kreise seiner Freunde. Zu Hause als Einzelkind würde er sich mit seiner Maman doch vielleicht langweilen?

Für meinen Mann und mich wichtig ist jedoch die gemeinsame Freizeit. Die wird intensiv genutzt, da gibt es keinen Gedanken an den Job, sondern nur das Kind. Die 3 gemeinsamen Abendstunden nutzen wir fürs Kuscheln und gemeinsam Spielen. Am Wochenende stehen Schwimmkurs, Obst- und Gemüsemarkt, Fußball im Park oder Kinderfeste auf dem Programm. In den Ferien reisen wir nach Tirol (gerade hat er Schifahren gelernt), im Sommer ans Meer oder öfters auch zu Freunden in ganz Europa.

Ich glaube, ich bin trotz meines Egoismus, dass ich weiterhin berufstätig sein möchte und mich selbst mit Kind auch weiterhin verwirklichen und engagieren möchte, eine gute Mutter. Das merke ich, wenn ich in die glücklichen Augen meines Kindes blicke, er mir ohne Pause lustig und voller Freude vorplappert, mir vorführt, was er wieder gelernt hat und mir jeden Tag sagt: Maman, ich hab Dich sehr lieb.

Andere Staaten, andere Sitten. Ich kann keinerlei Nachteile für mein Kind aufgrund der sozialstaatlichen Situation in Belgien erkennen. Eine liebe Freundin von mir war gezwungen, mit den Kindern von Belgien nach Österreich zurück zu gehen. Sie war in Belgien berufstätig, die Kinder in der Kinderkrippe. Jetzt sitzt sie in Österreich zu Hause, sowohl Mama als auch Kinder sind unzufrieden, weil Mama ohne Job und Kinder ohne gewohnte „Action“ (kein Krippenplatz vorhanden). Warum gibt es in Österreich so viele Vorurteile gegenüber den Systemen in anderen Ländern, die in gewisser Weise besser funktionieren und glücklicher zu machen scheinen als in Österreich?

Jetzt gehe ich die Mini-Schul-Tasche mit Saft, Obst und „Doudou“ (Kuscheltier) packen, morgen beginnt eine neue Arbeits- bzw. Schulwoche. Und wir drei freuen uns darauf.