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punktierte Linie

Alles Walzer
in Brüssel

Von Karin Lukas-Eder | 300 Wiener Schnitzel, 300 Wiener Würstel und 200 Portionen Gulaschsuppe.

Das Veranstaltungsprogramm in Brüssel ist enorm, und dennoch gibt es eine Veranstaltung im Jahr, die zu den glamourösesten und beliebtesten gehört: der Wiener Ball. Angelehnt an die Tradition des Wiener Opernballs tanzen jedes Jahr mitten in der Europahauptstadt Brüssel rund 850 Gäste zu Wiener Walzerklängen, genießen Wiener Wein und Champagner und verspeisen 300 Wiener Schnitzel, 300 Wiener Würstel, 200 Portionen Gulaschsuppe sowie Unmengen von Sachertorte und Apfelstrudel. Veranstalter ist die Österreichische Vereinigung in Belgien (OeVB), eine Plattform von ÖsterreicherInnen in Belgien, die sich mit ihren Landsleuten treffen oder heimatliche Traditionen pflegen wollen.

Am 15. Februar war es wieder soweit: Das ehrenamtliche, leider aus zu wenigen Personen (inklusive mir) bestehende Ballkomitee beginnt schon um 9 Uhr vormittags mit den Vorbereitungen im Ballsaal (die umfangreiche Organisation im Vorfeld lass ich jetzt hier beiseite, verdient aber kurze Erwähnung). Schlichte Kerzenständer werden liebevoll mit rot-weiß-roten Bändern versehen, der Blumenschmuck bestehend aus roten und weißen Blumen angebracht, Tische aufgebaut und geschmückt. Die Damenspenden – dieses Jahr geschmackvolle Armbänder – werden hübsch am Eingang drapiert.
Um 20.30 Uhr öffneten die Türen des Ballsaals für die Gäste und die Nacht mit der österreichischen Atmosphäre in Brüssel konnte beginnen. Dass nicht nur Österreicher von einer rauschenden Ballnacht entzückt sind, zeigt ein Blick auf die Namen des Jungdamen- und Herrenkomites sowie die Gästeliste. Die Eröffnungszeremonie wird von hauptsächlich belgischen Jugendlichen getanzt, die Anzahl der belgischen Ballgäste ist nicht weit geringer als die der österreichischen. Generell findet man Gäste aus allen EU-Mitgliedstaaten.

Als hochrangigster Ehrengast wurde in diesem Jahr der österreichische EU-Kommissar Dr. Johannes Hahn begrüßt. Die Stadt Wien war mit Prof. Dr. Elisabeth Vitouch vertreten, und auch unzählige Botschafter aus ganz Europa, Repräsentanten der österreichischen und anderer Botschaften und des Militärs tummelten sich auf der Tanzfläche. Extra aus Wien angereist kam auch Landwirtschaftsminister Andrä Rupprechter, der bis vor kurzem noch als Vizepräsident der OeVB fungierte. Leider war diesmal kein Hochadel vertreten. Der Platz der sonst immer anwesenden belgischen Erzherzogin Anne-Gabrielle d’Autriche, Witwe des 2010 verstorbenen Rudolf, Kronprinz von Österreich-Ungarn, blieb dieses Jahr leer.

Meinung

Natürlich galt wie überall auch das Motto „Sehen und gesehen werden“. Die Damen kleiden sich nach mehrstündigem Friseurbesuch mit den schönsten Ballroben und schmücken sich mit Juwelen, die nur zu diesem Anlass „ausgeführt“ werden. Ganz nach Benimmschule à la Thomas Schäfer-Elmayer werden die Damen galant begleitet von dem Herrn ihrer Wahl, gekleidet in Smoking oder Frack.

Nach den Darbietungen des Kinderballetts und der Eröffnung durch das Jungdamen und –herrenkomitee erklingt aus dem Mund des Dirigenten (das Orchester dr.Flo wird extra aus Wien eingeflogen!) die Aufforderung „Alles Walzer“. Menschenmassen strömen auf die Tanzfläche. Der erste Walzer ist wohl als ein „sich auf einem Punkt etwas Drehen“ zu bezeichnen. Ich zitiere einen Freund, der mich beim Tanz über die Schulter fragte: „Wie fühlst Du Dich in der Sardinenbüchse?“ Menschen mit Klaustrophobie sind am Brüsseler Wiener Ball fehl am Platze. Für viele Gäste steht der Tanz aber gar nicht im Vordergrund. Man befindet sich bei einem gesellschaftlichen Highlight. Nirgendwo trifft man in so kurzer Zeit so viele Bekannte, Freunde, Arbeitskollegen. Man nutzt die Gelegenheit, sein persönliches Netzwerk an Kontakten um ein Vielfaches zu erweitern, flüchtige Bekanntschaften in lockerer Atmosphäre zu vertiefen. Nirgendwo kann man so unkompliziert an der Bar ein Glaserl Wein mit einem Botschafter, EU-Kommissar oder einem Minister trinken und plaudern.

Nach dem wilden, aber dennoch rhythmischen „Herumgehüpfe“ bei der Mitternachts-Publikumsquadrille – das Chaos ist eine Augenweide für den Zuschauer – verabschieden sich die ersten Gäste und nach und nach kommen die begeisterten Tänzer zu ihrem Vergnügen, da die Tanzfläche nun tatsächlich Fläche bietet. Nichtsdestotrotz: Auch um 4 Uhr, wo der traditionelle „Rausschmeißer“ Brüderlein Fein erklang, konnten wir immer noch rund 200 anwesende Gäste zählen. Doch irgendwann hat jedes Vergnügen ein Ende. Halt: Vor Verlassen des Ballsaales wurden traditionsgemäß noch die Blumengestecke von den Ballgästen geplündert.

Alles war wieder wunderbar, eine herrliche Ballnacht! Knapp nach 5 Uhr früh verließ auch ich den Ballsaal. Ehrenamtliche Arbeit für einige Zeit beendet, bis im September die Vorbereitungen für den Ball 2015 beginnen. Übrigens: Der nicht wenig beträchtliche Reinerlös von rund 20.000 EUR kommt den SOS-Kinderdörfern zugute.