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Man verehrt
und feiert sie

Von Karin Lukas-Eder | Das braune, schwarze und weiße „Gold“ der Belgier.

Wenn ich in die Brüsseler Innenstadt gehe, führt mich mein Weg immer zuerst auf die berühmte „Grande Place“ (der Marktplatz mit den wunderschönen Zunfthäusern). Mittlerweile ziert den Marktplatz auch ein glitzernder Tannenbaum und die alljährlich insbesondere bei Touristen und Kindern beliebte „lebende“ Krippe. Kaum am vordersten Eck des Marktplatzes angekommen, lasse ich den Platz jedoch links liegen, denn meine „Sucht“ treibt mich schnurstracks in das erste Eckgeschäft. Nach18 Jahren Brüssel bin ich nämlich ein Schokoholic geworden. Für die Belgier gehört „le chocolat“ seit der Kindheit zu ihrem Leben wie kaum etwas anderes.

So stehe ich jetzt in einer Filiale von „Neuhaus“. Es duftet herrlich nach Kakao, rund um mich herum türmen sich verschiedenste Pralinensorten, Schokonikoläuse und Schokoengel lächeln mich verführerisch an. Der Schweizer Apotheker Jean Neuhaus gilt als Erfinder der „belgischen Bonbons“. Er eröffnete 1857 in Brüssel eine „pharmazeutische Confiserie“, wo er Hustenbonbons und Lakritzstangen verkaufte. Bald wurden diese „Medikamente“ jedoch von seinem Sohn durch Fruchtgelee, Karamellen und schließlich 1912 durch die ersten gefüllten Schokoladenhäppchen ersetzt. Eine mit weißen Handschuhen bekleidete Dame pickt mit einer silbernen Zange auf meinen Wunsch hin 150 Gramm der in glitzerndes Goldpapier eingehüllten Schokosünden in ein Zellophansackerl. Meine Augen leuchten.

An die Filiale von „Neuhaus“ reiht sich die Filiale von „Leonidas“, an der ich – obwohl schon 150 Gramm braunes Gold in meiner Handtasche – auch nicht einfach vorbeigehen kann. Der griechischstämmige Amerikaner und Confiseur Leonidas Kestekidis hat mit seinen süßen Köstlichkeiten an der Weltausstellung in Gent teilgenommen und die Goldmedaille gewonnen. Er blieb in Belgien und machte seinen Vornamen zur

Meinung

Firmenbezeichnung. Auch in diesem Geschäft hat man die Qual der Wahl. Cremegefüllte Trüffel, Nougat und Krokant, sahnige Miniaturen mit den Namen von Aristokraten oder Göttern, leicht vergängliche Kompositionen aus viel Kakao, Früchten und Mandeln, Butterkonfekt mit Whisky oder Champagner. Kreationen von fast überirdischer Natur, in brauner oder weißer Milchschokolade oder in schwarzer Bitterschokolade.

Lustig sind neben den Pralinen aber die besonderen Schokoladekreationen. Manche Chocolatiers verleihen der sinnlich-erotischen Komponente der Schokolade Gestalt und bieten weibliche Körper mit und ohne Dessous aus filigraner, weißer Schokolade an. Kunstliebhaber können einen echten Van Eyck aus Schokolade erstehen, Leseratten stellen sich ihr Alphabet aus Zartbitterbuchstaben selbst zusammen. Oder sie selbst erwerben ein Handy aus Nougat, um mit einer/m Gleichgesinnten einen Zeitpunkt für das „Kakao-Schlürfen“ auf dem Marktplatz zu vereinbaren?

Alle berühmten Confiseure haben in Belgien Kultstatus: Man verehrt und feiert sie, Könige und Königinnen, Prinzen und Prinzessinnen besuchen ihre Geschäfte, Künstler entwerfen für sie Skulpturen und Figuren. Auch umgibt die Chocolatiers der Hauch von Genie und Geheimnis. Ihre Rezepte vererben sie über Generationen weiter, die Inhaltstoffe werden als Familien- oder Firmengeheimnisse streng gehütet. Belgien und Schokolade gehören untrennbar zusammen.

Ich warf noch einen ausgiebigen Blick ins Schaufenster der Filialen von Godiva und Galler, verschob die geplanten Besorgungen auf das kommende Wochenende, denn der Wunsch des genussvollen Verspeisens der schokoladigen „Goldstücke“ in meiner Handtasche trieb mich schnell nach Hause.