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Silvester in Köln: Geht alles gar nicht

Von Ingrid Müller | Was in der Silvesternacht auf dem Vorplatz des Kölner Hauptbahnhofs passiert ist, fällt in die Kategorie: Geht gar nicht!

Vorausgeschickt: Ich war nicht dabei. Ich habe auf meinem Berliner Sofa aus sicherem Abstand (mehr als eine Armlänge) das Feuerwerk am Brandenburger Tor im Fernsehen angeschaut. Sah die Menschenmenge, das Gewühl. Und dachte insgeheim: Zum Glück bin ich nicht dort. Geknallt wurde auch bei mir im Hof mehr als genug, und das schon tagelang vor Silvester.

Wer aber den Jahreswechsel in einer knallenden und trinkenden Menschenmenge begehen möchte, bitteschön. Deutschland ist ein freies Land. Sprechen wir also darüber, was in der Silvesternacht auf dem Bahnhofsplatz in Köln passiert ist. Sprechen wir über Grundsätzliches. Deutschland ist ein freies Land. Diese Freiheit ist allen (allen!) zu gewähren und ist von allen (allen!) zu respektieren.

Es geht gar nicht, wenn Feuerwerkskörper in eine Menschenmenge geworfen werden.

Es geht gar nicht, wenn ein Teil der Menschenmenge unter Einfluss von Alkohol und sonstiger Drogen die Kontrolle verliert.

Es geht gar nicht, wenn Menschen bestohlen werden. Egal von wem, egal, wer Opfer ist.

Es geht noch weniger, wenn Menschen ihrer Würde und körperlichen Unversehrtheit beraubt werden. Wiederum egal, wer Täter, wer Opfer ist.

Und ebenso geht es nicht, wenn die Polizei die Situation in der wogenden, feiernden, trinkenden und knallenden Menge nicht unter Kontrolle bekommt und ihrerseits der Würde beraubt wird.

Und es geht auch nicht, wenn mit zu wenig Informationen zu wenig und/oder zu langsam berichtet wird.

Um Täter dingfest zu machen, müssen sie gesucht und gefunden werden. Suchen kann man zunächst aufgrund äußerlicher Merkmale, Sprache, Geschlecht, Haarfarbe, Größe, ethnischer Zugehörigkeit — das ist zulässig, da es aufgrund der Hinweise von Opfern und Zeugen verdachtsbegründende Personenbeschreibungen gibt. Egal, ob der mutmaßliche Täter männlich oder weiblich, blond oder schwarzhaarig ist, deutsch, französisch, arabisch oder irgend eine andere Sprache spricht. Wer Recht bricht, muss zur Verantwortung gezogen werden.

In der Silvesternacht wurden Menschenrechte, Grundgesetz und Strafrecht hundertfach verletzt — einmal ganz abgesehen von den unzähligen Wunden an Leib und Seele der Opfer, die vielfach wohl länger schmerzen werden, als die körperliche Heilung dauert.

Meinung

Deutschland ist ein freies Land. Und Deutschland ist ein Rechtstaat. Um diese Freiheit zu gewährleisten, gibt es Gesetze, Regeln und Normen. Sie gelten für alle (alle!) gleichermaßen.
Zu einem Rechtstaat gehört eine funktionierende Polizei — eine Exekutive, die die öffentliche Sicherheit und Ordnung aufrechterhält. Hier geht es nicht primär darum, wo im vorliegenden Fall die Zuständigkeiten der Bundespolizei aufhören und wo die Kompetenzen der Landespolizei beginnen. Die Polizei hat die Aufgabe, für Recht und Ordnung zu Sorgen. Der Staat hat seinerseits die Aufgabe, die Polizei so auszustatten — mit Personal und Ausrüstung —, dass sie den Aufgaben auch nachkommen kann. Dann wird man ihr mit Respekt begegnen.

Respekt fehlte an vielen Stellen der Berichterstattung. Respekt gegenüber dem Großteil der Menschen, die in Köln Silvester feiern wollten — friedlich und gewaltfrei, wie ich ganz naiv unterstellen möchte. Respekt gegenüber der Polizei, die ein genau solches Feiern ermöglichen und absichern wollte. Es fehlte auch an Respekt gegenüber jenen Menschen, die mit all dem gar nichts zu tun haben, denen die mutmaßlichen Täter aber zugeschrieben wurden. Schuldzuweisungen und Hetze, Vermischungen von Argumentation und Spekulation, die Reduzierung der Tatbestände auf vielerorts falsch interpretierte Zahlen machen das, was passiert ist, noch viel schlimmer. In der Silvesternacht ist in Köln sehr viel passiert. Doch jetzt, danach, muss ebenfalls noch eine Menge passieren. Schließlich muss es weitergehen.

Die Verantwortlichen müssen die Konsequenzen tragen — Täter müssen gefunden und verurteilt werden. Jeder einzelne. Sippenhaft und Pauschalverurteilungen entsprechen weder unserem Werte- noch Rechtssystem.

Die Polizei muss ihre Strategien bei Großeinsätzen und Menschenansammlungen revidieren. Und die Information der Öffentlichkeit zeitnah und objektiv gewährleisten.

Die Medien müssen ihre Art der Berichterstattung überprüfen. Mehr Fakten, weniger Propaganda. Keine Lügenpresse, nirgends.

Die Politik braucht mehr Augenmaß. Propaganda und pauschale Vorverurteilung ganzer Bevölkerungsgruppen, Verhaltensmaßregeln für andere sind nicht zeitgemäß.

Die Opfer aber müssen mit den Konsequenzen leben. Ihnen gehört mein Mitgefühl.

Aber es muss weitergehen. Besser.
Auf 2016!