Lesedauer   Lesedauer – für diesen Text benötigt ein durchschnittlicher Leser 3:15 Minuten  (Erklärung hier)

punktierte Linie

Zum Teufel mit der schwarzen Null!

Von Ingrid Müller | Das deutsche Schulsystem kracht auch ohne die Herausforderung, die tausende Flüchtlingskinder bedeuten, an allen Ecken und Enden. Doch jedes Kind, unabhängig von seiner Herkunft und seinem Aufenthaltsstatus, muss lernen dürfen. Und ein reiches Land wie Deutschland muss das schaffen können.

Kinder wollen lernen. Das sollen sie auch. Das ist ein ihnen zustehendes, in der UN-Kinderrechtskonvention verbrieftes Grundrecht. Unabhängig von ihrer Herkunft haben alle Kinder ein Recht auf Schule, in Deutschland werden alle Kinder mit Vollendung des sechsten Lebensjahres schulpflichtig. Und das gilt wirklich für alle, auch für Kinder, die auf der Flucht sind bzw. deren Aufenthaltsstatus ungeklärt ist. Nach einer Übergangsfrist, die sich von Bundesland zu Bundesland unterscheidet, dürfen Flüchtlingskinder nicht nur in die Schule, nein, sie müssen. Und das ist gut so.

Kinder brauchen andere Kinder, Kinder brauchen einen geregelten Tagesablauf und Struktur, gerade, wenn sie aus Chaos, Zerstörung und Krieg geflohen sind.

In Berlin sollen fast 5000 Kinder ohne Deutschkenntnisse in mehr als 430 Gruppen zunächst vor allem Deutsch lernen. Dafür werden in diesem Schuljahr deutlich mehr so genannte Willkommensklassen eingerichtet — es sind um 70 Prozent mehr Kinder als im vergangenen Schuljahr. Sobald sie die Sprache beherrschen, sollen sie in reguläre Schulklassen wechseln.

Die neuen Lehrkräfte arbeiten in der Regel vorerst mit befristeten Verträgen, viele haben bisher Integrationskurse unterrichtet, auch diese als befristete Honorartätigkeit. Der Bedarf an Pädagogen steigt. Nach Schätzungen des Senats sollen dieses Jahr rund 28  Millionen Euro in die Willkommensklassen fließen; nächstes Jahr könnten es bis zu 40  Millionen sein. Die Herausforderung ist gewaltig — nicht nur finanziell, sondern auch in pädagogischer und psychologischer Hinsicht für die Lehrerinnen und Lehrer. Mit ihrem Engagement und ihrer Belastbarkeit steht und fällt der Erfolg der schulischen Integration, beginnend mit der Vermittlung der deutschen Sprache und Kultur.
So weit, so gut.

Pünktlich zu Schulbeginn stellte der Deutsche Philologenverband fest, dass bundesweit rund 30.000 Lehrkräfte fehlen — vorrangig in den MINT-Fächern (Mathe, Informatik, Naturwissenschaften und Technik).

Der Mehrbedarf an Lehrkräften für Deutsch als Fremdsprache ist dabei noch gar nicht berücksichtigt, ebenso nicht der Bedarf an Sozialarbeitern und Psychologen, die traumatisierten Flüchtlingskindern einen Einstieg in einen normalen Alltag erleichtern, ihnen bei der Bewältigung ihrer Erlebnisse Unterstützung bieten, oder auch Supervision für die Lehrkräfte, die man unter diesen neuen, schwierigen Bedingungen verstärkt unterstützen muss.

Meinung

Das Schulthema ist eines, das man nicht genug strapazieren kann, egal, ob man unbeteiligt und von Ferne auf die nackten Zahlen schaut oder hautnah davon betroffen ist: Lehrkräfte fehlen, Unterricht fällt aus, allein in Berlin werden pro Jahr zwei Millionen Unterrichtsstunden nicht regulär gehalten, vertreten oder finden einfach nicht statt; hohe Krankenstände bei den Lehrkräften (in Berlin im Schnitt 39 Tage oder fast acht Schulwochen!); sanierungsbedürftige Gebäude, marode Toiletten, allein 2014 hat der Berliner Senat zwölf Millionen Euro für Toilettensanierung freigegeben — und trotzdem stinkt der Zustand nicht nur der Toiletten zum Himmel.

Das Schulsystem funktioniert schon unter normalen Bedingungen kaumt, fällt nur ein einziges Steinchen aus dem Gefüge, bricht es in sich zusammen. Qualitativ, personell, räumlich.
Es kann nicht sein, dass der Staat (auch wenn Schule in Deutschland Ländersache ist) so derartig versagt, dass Kinder nicht ihr Recht bekommen, obwohl sie ihrer Pflicht nachkommen wollen — nicht lernen dürfen, sich nicht altersgerecht entfalten dürfen, weil in einem Land wie Deutschland an viel zu vielen Stellen die Grundbedingungen so schlecht sind, dass es ohne privates Engagement und Initiative von Lehrkräften und Eltern kaum schaffbar wäre.

Der Warnschrei verhallt ungehört: Pisa-Studien haben wiederholt gezeigt, dass es mit der Schulbildung an deutschen Schulen im Argen liegt. Besonders auffällig ist dabei, dass die soziale Herkunft immer noch ausschlaggebend für die schulischen Leistungen und den Bildungsfortschritt der Schüler ist. Gerade für Schüler aus ärmeren Familien bleibe die Einlösung des Versprechens „Aufstieg durch Bildung“ häufig in weiter Ferne, kritisiert die OECD.

Und es kann auch nicht sein, dass Kinder in Deutschlands Hauptstadt nur mit Nachhilfe (und damit wieder nur die Kinder aus dem finanziell stabilen Bildungsbürgertum) den Bildungsstand anderer Bundesländer oder europäischer Nachbarländer erreichen. Ein großer Teil der Kinder wird damit von einer erfolgreichen Teilhabe an der europäischen Gesellschaft ausgeschlossen. Aufstieg durch Bildung bleibt jenen vorbehalten, die es sich leisten können.

Hauptsache, das reiche Deutschland hat einen ausgeglichenen Haushalt.

Zum Teufel mit der schwarzen Null im Budget! Bildung muss Deutschland mehr wert sein. Lasst die Kinder lernen. Alle. Unabhängig von Herkunft und sozialer Schicht. Unabhängig von Hautfarbe und Aufenthaltsstatus. Gebt allen Kindern eine Zukunft — und zwar eine bessere.