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Lasst die Griechen mitspielen!

Von Ingrid Müller | Auch wenn es kein Spiel ist: Der Grexit ist keine Option. Weder für die Griechen noch für alle anderen Europäer.

Die Pleite ist nicht unausweichlich. Sie steht nicht vor der Tür — sie ist schon da. Sie sitzt schon mitten auf dem Wohnzimmersofa. Und noch viel schlimmer: Sie breitet sich längst aus — in Schulen, Krankenhäusern und anderen öffentlichen Einrichtungen.

Nein, das ist weder ein Tiroler, noch ein Berliner Schreckensszenario, auch wenn erstere sich über die Kosten zur Absicherung von G7 und der Bilderberg-Konferenz immer noch nicht genug aufgeregt haben und letztere sich mit dem Ausspruch „Berlin ist arm, aber sexy“ jahrelang zu trösten versuchten.

Es geht um Griechenland. Griechenland ist pleite. Und nein: Die Pleite steht nicht vor der Tür. Griechenland ist bankrott, auch ohne hochoffizielle Erklärung des Staatsbankrotts, die einem Schuldeingeständnis gleichkommen würde.

Der Grexit ist keine Option. Das Geld, das die reichen „Geberländer“ in das kleine Land gesteckt haben, ist verpulvert und hat nicht das gebracht, was es bringen sollte: Entspannung, Erholung — davon ist das Urlaubsland weit entfernt. Sehr weit.

Wer glaubt denn tatsächlich noch daran, dass Griechenland in einer realistischen Zeitspanne die aktuell aufgehäuften Schulden zurückzahlen kann? Anders auch als 2010 haben die privaten Banken kaum noch griechische Schulden in ihren Büchern. 2012 schon erließen sie Griechenland gut 90 Prozent.

Das Geld ist weg. Einen, der am Boden liegt, muss man nicht auch noch mit Füßen treten.
Und die Kosten eines Grexit zu berechnen, ist im Moment mehr als sarkastisch. Die Kosten für humanitäre und strukturelle Hilfe für ein Griechenland außerhalb der Eurozone oder gar außerhalb der EU zu berechnen, wäre makaber, utopisch und jenseits aller Vorstellungskraft.
Schuldenschnitt. Umschuldung. Im Moment die einzige Antwort.

Sicherlich, man könnte jetzt auch sagen: Selber schuld. Wer rechtzeitig drauf schaut, das er was hat, wenn er’s braucht, kommt nicht in so eine Zwickmühle. Doch wer’s glaubt, wird selig. Die globalisierte Wirtschaft funktioniert nicht in der Nussschale, nicht in Tirol, nicht in Berlin, nicht in Griechenland. Und weltweit sowieso schon gar nicht. Weil immer einer kommt, der mehr hat oder mehr will, als er sich leisten kann.

Dass das Land aber in den letzten Jahren, anders als etwa Irland, Estland oder auch Spanien, nicht wieder auf die Beine gekommen ist, ist nicht zuletzt auch eine Mitverantwortlichkeit der restlichen Europäer bzw. der sogenannten Austeritätspolitik der Troika. Dieses Dreigespann aus Europäischer Kommission, Europäischer

Meinung

Zentralbank und Internationalem Währungsfonds hat mit seiner extremen Sparpolitik in der ersten Phase der Krise in Griechenland mehr an- als gerichtet. Die Arbeitslosigkeit schnellte hoch und liegt aktuell bei rund 25 Prozent, zweimal so hoch wie im EU-Durchschnitt. Arbeitslosengeld gibt es zwölf Monate, danach nicht einmal mehr eine Krankenversicherung. Die Mittelschicht rutscht an die Armutsgrenze, Rentner haben zum Sterben zu viel und zum Leben zu wenig. Die Selbstmordrate ist seit Beginn der Krise um Rund ein Drittel angestiegen.

Der Staat kann seinen Verpflichtungen schon jetzt nicht mehr nachkommen. Um die Effektivität der neugewählten Regierung mit Tsipras und Varoufakis geht es hier nicht: Sie trägt schwer an ihrem Erbe. Dass die beiden zum momentanen Zeitpunkt keine neuen Sparmaßnahmen vorlegen wollen (oder können), zeugt zwar einerseits von Sturheit, andererseits: Wo nichts ist, kann man nichts wegnehmen. Der Run auf die Banken hat schon lange begonnen, wer etwas zu retten hatte, hat seine Euros schon im sicheren Sparstrumpf unter der Matratze versteckt — oder schon aufgegessen. Der EU-Notfallplan mit Bankenschließung und Kontrolle des griechisch-europäischen Zahlungsverkehrs käme also zu spät.

Die Komfortzone der Griechen ist nicht mehr vorhanden. Das Land ist am Rand der Verzweiflung, in manchen Momenten bereits einen Schritt weiter.

Europas Politik der alternativlosen Austerität treibt Griechenland zu einer Suche nach alternativen Allianzen. Für Europas Einheit ist das Gift, aber eine logische Reaktion auf alle Grexit-Szenarien, die gezeichnet werden. Der Grexit selbst wäre nicht nur Gift, sondern ein Todesstoß für die europäische Währungseinheit, die sich durch ausreichend und langanhaltende Spekulation knacken ließe — ein unkalkulierbares Risiko.

Der Spielraum ist aufgebraucht, zum Spielen ist wohl auch keinem mehr zumute. Wird Griechenland vom europäischen Spielfeld geschickt, wird es aber kaum mit großen traurigen Augen am Rand sitzen und zuschauen. Einmal ganz davon abgesehen: Griechenland müsste den Grexit selbst beantragen und alle EU-Mitglieder müssten zustimmen. Das wird wohl kaum so eintreten. Kein Spieler schließt sich selbst aus dem Spiel aus und alle Mitspieler applaudieren auch noch.

Also: Auszeit. Neuanfang.

Jetzt geht es um den Schiedsrichter, der Griechenland wieder aufs Feld holt und dafür sorgt, dass es die Regeln einhält. Die Troika hat diese Funktion bisher nicht erfüllt.