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Von Pferden, Wölfen und Kosaken

Von Ingrid Müller | Warum führende Kosakenvertreter nicht an der Einweihung der Gedenkkapelle in Lienz teilnehmen konnten.

Wenn die russischen „Nachtwölfe“, Putins Bikertruppe, auf dröhnend-laute Weltkriegstour gehen, freut das den Präsidenten. Die Europäer weniger, aber wer ein gültiges Visum hat, kann nur in Ausnahmefällen und mit gutem Grund an der Einreise in den Schengen-Raum gehindert werden. Einen Monat später ist jetzt in Moskau eine Gruppe Kosaken auf Pferden zum Weltkriegsgedenken nach Berlin aufgebrochen. Ende Juli wollen sie in Berlin eintreffen.

Wenn aber eine Gruppe von Kosaken aus dem Süden Russlands aufbrechen möchte, um der Einweihung der Kapelle am Lienzer Kosakenfriedhof beizuwohnen, werden sie an der Ausreise gehindert.

Ein Einblick in die Paradoxien der Grenzkontrollen bei der Ausreise russischer Staatsbürger aus Russland.

70 Jahre nach der Kosakentragödie an der Drau wurde jetzt am Lienzer Kosakenfriedhof eine Kapelle eingeweiht. Erwartet wurden mehrere hundert Kosakenvertreter aus aller Welt. Sie wollten gedenken und erinnern. Auf dem Friedhof, in der neuen Kapelle.

Ursprünglich waren die Kosaken freie Reiterverbände, bis zum 18. Jahrhundert vom Zarenreich teilweise unabhängig. Als Kavallerie spielten sie eine bedeutende Rolle etwa in Feldzügen gegen Napoleon und in den Russisch-Türkischen Kriegen. Die Kosaken waren sowohl während des ersten, als auch des zweiten Weltkriegs gespalten. Zu Zeiten der Oktoberrevolution kämpfte ein Teil des Reitervolks auf Seiten der „Roten“, also der Bolschewiken, der Großteil aber auf der Seite der Zaristen, der „Weißen“. Später wurden die Kosaken kollektiv als Anti-Bolschewisten verfolgt. Als Hitlers Wehrmacht vorrückte, bot ein Teil der Kosaken seine Dienste an. Nach anfänglichem Zögern wurden sie im Kampf gegen Titos Partisanen eingesetzt.

Nach der Kapitulation der Wehrmacht zogen sie auf der Flucht vor den sowjetischen Truppen bis nach Friaul, Oberkärnten und Osttirol, in der Hoffnung auf neue Siedlungsgebiete. Zu Kriegsende waren dort 25.000 Kosaken, unter ihnen Alte, Frauen und Kinder. In der damaligen britischen Besatzungszone wurden die Trecks unter Berufung auf den Jalta-Vertrag an die sowjetischen Truppen übergeben. Wer den Rücktransport überlebte, dem drohten Todesstrafe oder lange Lagerhaft und Repressionen als „Vaterlandsverräter“. Während der Auslieferung kam es zu Massenselbstmorden, Frauen sprangen mit ihren Kindern in die Hochwasser führende Drau, es gab unzählige Tote durch Gewalt britischer Soldaten. Am Lienzer Kosakenfriedhof sind rund 300 von ihnen begraben.

Bei der Gedenkfeier und der Kapelleneinweihung vor einigen Tagen in Lienz nicht dabei waren vier führende Kosakenvertreter, unter ihnen Ataman

Meinung

Wladimir Melichow, der an der Errichtung der Kapelle maßgeblich beteiligt war. In einem Eintrag auf Facebook beschreibt Melichow minutiös, wie er bei der Passkontrolle am Moskauer Flughafen Domodjedowo aufgehalten wird, bis er schließlich, eine Stunde später, seinen Pass zurückerhält: Aus dem Dokument wurde eine Seite fein säuberlich herausgeschnitten, damit ist der Pass ungültig, eine Reise nicht möglich. „Mit diesem Pass reise ich seit 2010, alle Seiten waren immer dort, wo sie hingehörten.“ Für den Versuch, mit einem ungültigen Dokument die Grenze zu übertreten, bekam Melichow eine Strafe aufgebrummt.

Die unabhängig voneinander reisenden Delegationsteilnehmer wurden unter unterschiedlichen Vorwänden festgehalten, zur Polizei mitgenommen, davon abgehalten, ihre Reise fortzusetzen.

Oberflächlich betrachtet ist die Sache klar: ein ungültiges Dokument. Oder eine Vernehmung nach einer mutmaßlichen Schlägerei. Eine Überprüfung, die sich in die Länge zieht. Die vorübergehende Beschlagnahmung von Handy und Laptop. Verkehrskontrollen. Über die Gründe für diese offensichtlichen Manipulationen kann nur spekuliert werden. Die Methoden erinnern jedenfalls an Zeiten, die wir lieber schon lang vergessen hätten. Fazit: Flieger verpasst. Kein Zusammentreffen mit Kosaken aus aller Welt.

So etwas passiert nicht zum ersten Mal — erst im September 2014 wurde dem Direktor des Zentrums Indigener Völker des Nordens die Ausreise zu einer UN-Konferenz in New York verweigert. Die Vorgehensweise war sehr ähnlich wie bei Melichow; und auch damals wurden weitere Mitglieder der Delegation an der Ausreise gehindert.

Die Methoden sind weder rechtsstaatlich noch demokratisch und entsprechen nicht dem 21. Jahrhundert. Eigentlich waren die Zeiten schon längst vorbei, in denen Menschen Russland nicht verlassen durften. Das Vertrauen in Behörden und Staatsbedienstete war noch nie besonders hoch, Vorfälle wie diese entziehen den Behörden den (nötigen) Respekt. Akzeptanz weicht Verachtung, Transparenz wird Willkür.

Die Motorradreise der Nachtwölfe durch Europa sorgte Anfang Mai für Aufregung — Probleme, ihr Land zu verlassen, hatten sie jedoch nicht. Vielmehr kam es zu Protesten bei Ein- und Durchreise, teilweise wurden erteilte Visa annulliert — mit transparenten Begründungen. Eine Gruppe von rund 30 Bikern erreichte dennoch Berlin. Auch sie wollten „gedenken und erinnern“. Mit Motorradgeknatter am sowjetischen Ehrenmal.

Spannend wird also, ob die Gruppe berittener Kosaken, die durch Weißrussland und Polen nach Berlin reiten will, Probleme bei der Ausreise bekommt. Wenigstens können sie keinen Flieger verpassen. Hoffentlich haben alle, einschließlich der Pferde, gültige Dokumente.