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punktierte Linie

Ein Land
im Ausstand

Von Ingrid Müller | Deutschland organisiert sich um. Aber es bleibt die Hoffnung, dass anhaltende Streikwellen irgendwann vorbeigehen. Kindliche Trotzphasen tun das ja auch.

An vielen Stellen steht Deutschland still oder muss zumindest langsamer laufen, wenn gerade die Lokführer streiken. Oder die Piloten. Oder die Fahrer der Geldtransporte. Oder die Erzieher in den Kitas. Oder die Lehrer in den Schulen. Oder der gesamte öffentliche Dienst.
Gestreikt wird für mehr Geld, weniger Arbeit, bessere Bedingungen.

Das Streikrecht ist im Grundrecht verankert, also Teil der Verfassung. Eine ultima ratio. Dass diese aktuell in allen Lebensbereichen bis aufs Allerletzte ausgereizt wird, ist aber jenseits jeder ratio.

Die ersten Streiks, an die ich mich erinnern kann, waren die der Bergleute in England und jene der Eisenbahner in Italien. Streik, Protest und Ausstand wurde mit allen möglichen Ländern assoziiert, aber sicher nicht mit Deutschland. Oder Österreich. Oder der Schweiz.

Österreich ist kein Land der Revoluzzer, gewiss nicht, die Protest- und Demonstrationskultur ist im ansonsten akkurat-pünktlichen Deutschland sehr viel ausgeprägter als in der Alpenrepublik.
Vielleicht geht es den Leuten dort einfach zu gut, vielleicht hat Arbeit aber auch einen anderen Stellenwert. Oder es gibt einen breiteren Konsens, sich mit Gegebenheiten abzufinden. Oder die Sozialpartnerschaft funktioniert (besser).

Ein Land im Ausstand.

Ein Land im Ausnahmezustand.

Ein Land im Stillstand.

…und das ganze weitgehend ohne Rücksicht auf Verluste, in unterschiedlichsten Lebensbereichen, auf unbeschränkte Zeit, immer schön abwechselnd. Sonst wird’s ja langweilig.
Der wirtschaftliche Schaden ist immens, alleine bei der Bahn kostet der Streik täglich rund 10 Millionen Euro.

Meinung

Der indirekte Schaden lässt sich wohl nicht berechnen. Die liegengebliebenen Papiere, die versäumten Unterrichtsstunden, die verschobenen Abiturprüfungen, die verpasste Spielzeit, die gehetzten Eltern. Die auf Bahnsteigen und in überfüllten Zügen der Notfahrpläne verpuffte heiße Luft des Zornes. Die Kinder, die entweder „notbetreut“ werden, an der elterlichen Arbeitsstelle ein Zwangspraktikum absolvieren oder sonstwie „umorganisiert“ werden müssen.

Denn der Ausstand ist kein Stillstand, der Ausnahmezustand wird langsam zum misslichen Normalzustand.

Ein Land organisiert sich um.

Und damit hat der Streik seine Wirkung verspielt. Denn letztlich können wir alle sagen: Schaut her — so wichtig seid ihr gar nicht. Wir schaffen es auch ohne euch — es wird ja brav angekündigt und genauso eingehalten. Wir sind flexibel, wir stellen uns drauf ein. Im Unterschied zu euch. Was bleibt uns denn übrig?

Wir organisieren also um. Es geht ja wieder vorbei, so wie jede Baustelle irgendwann fertig ist. Mit ein bisschen Glück zumindest.

Aus diesem Ausstand kommen wir schon seit Monaten nicht mehr heraus, die einzige Einsicht ist, dass Einigungen nicht in Sicht sind. Vielleicht kann man sich darauf einigen: Diese Strategie des Ausstands bringt nicht die erwünschten Resultate. Vielleicht gibt es doch eine andere, bessere, die weniger nervt? Mit ein bisschen Glück zumindest?

Langsam bekommt diese seltsame Streikkultur den Anschein der Proteste von Kindern im Trotzalter, die sich laut schreiend auf dem Boden wälzen. Der Grund ist (manchmal) erkennbar, die Strategie (hoffentlich) nicht zielführend. Das Gute an der kindlichen Protestkultur ist allerdings, dass man weiß: Es geht wieder vorbei. Es ist alles nur eine Phase. Mit ein bisschen Glück zumindest.