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Zeit auf
Bäumen

Von Ingrid Müller | Die deutsche Herdprämie steht auf dem Prüfstand. Aber es geht um viel mehr als 150 Euro im Monat.

Zeit zum Streiten.

Familien, die ihre Kinder im zweiten und dritten Lebensjahr ohne Inanspruchnahme öffentlicher Angebote betreuen, erhalten seit August 2014 von der Bundesrepublik Deutschland ein „Betreuungsgeld“ in der Höhe von 150 Euro monatlich. Ende 2014 bezogen laut Statistischem Bundesamt 386.483 Familien in Deutschland Betreuungsgeld. Bayern liegt an der Spitze der Bundesländer. Dort ist auch die Betreuungsquote für unter Dreijährige am geringsten.

Seit August 2013 haben auch Kinder zwischen einem und drei Jahren bzw. deren Eltern einen Rechtsanspruch auf einen Platz in einer Tageseinrichtung (Krippe) oder in der Kindertagespflege (Tagesmutter), um den Wiedereinstieg ins Arbeitsleben zu ermöglichen. Theoretisch ist der Anspruch einklagbar.

Die als „Herdprämie“ bekannt gewordene Zahlung des Betreuungsgeldes steht jetzt auf dem Prüfstand des Bundesverfassungsgerichts in Karlsruhe, die SPD-Landesregierung von Hamburg hat Klage erhoben. Absurd dabei ist, dass die SPD-Familienministerin Manuela Schwesig jetzt eine Maßnahme verteidigen muss, der sie selbst eigentlich von Anfang an kritisch gegenüber stand.

Die Begründung für den mutmaßlichen Bruch des Grundgesetzes durch das Betreuungsgeld ist eine rein juristische: Der Bund habe in dieser Frage gar keine verfassungsrechtliche Kompetenz. Außerdem verstößt das Betreuungsgeld nach Ansicht der Hamburger gegen den Gleichbehandlungsgrundsatz.

Geld fehlt. Zeit fehlt. Oder beides.

Tatsächlich geht es aber um einen ideologischen Streit, an dem sich die Geister scheiden. 150 Euro im Monat lösen das ursprüngliche Dilemma nicht.
Eltern sollen die Wahlfreiheit haben, ob sie ihre Kleinkinder zu Hause oder in einer Krippe betreuen. 150 Euro im Monat aber sind nicht der Schlüssel zur Selbstbestimmung. Vielmehr sind es Verfügbarkeit, Kosten und Qualität von Betreuungsplätzen, die Notwendigkeit bzw. der Wunsch, wieder zu arbeiten, mehr oder weniger zu arbeiten als vorher, oder komplett zu Hause zu bleiben.

Fremdbestimmung kommt meist vor Selbstbestimmung: Das Geld fehlt.

Wer den Job hat und den passenden Krippenplatz,

Meinung

ist trotzdem nicht selbstbestimmt: Die Zeit fehlt. Immer.

Und auf Bäumen wächst sie genauso wenig wie das Kind, das Geld oder der Krippenplatz.
Die Kinder brauchen das Betreuungsgeld nicht.

Die Kinder brauchen Zeit.

Kinder brauchen glückliche, ausgeglichene Eltern, die nicht ständig gehetzt, übermüdet und verspätet sind. Kinder brauchen Eltern, die Ruhe und Gelassenheit mitbringen.

Kinder brauchen auch — zusätzlich zu den Eltern — ein „soziales Netzwerk“, eine Großfamilie, eine Dorfgemeinschaft, die Kumpelinen und Kumpanen aus der Kita und deren Eltern und Großeltern.

Kein Gesetz, egal auf welcher Ebene, kann das verordnen; kein Betreuungsgeld kann das sichern.

Bei ihrem Amtsantritt machte Manuela Schwesig mit einem weiteren Projekt Schlagzeilen: der Familienarbeitszeit. Für Eltern soll die Regelarbeitszeit nur 32 Stunden mit Lohnausgleich betragen.

Ich finde ja, diese Regelung sollte über die Familie hinaus für alle gelten. Kein Verstoß gegen den Gleichbehandlungsgrundsatz. Keine Möglichkeit einer verdeckten Diskriminierung für (junge) Familien, oder diejenigen, die vielleicht einmal eine haben wollen.

Mehr Zeit für Kinder, mehr Zeit für Familien, mehr Zeit für Dinge, die einfach Spaß machen.
Mehr Zeit zum Leben.

Mehr Zeit zum Lesen, für Bewegung, für Kunst und Kultur. Mehr Zeit zum Seele baumeln lassen.
Menschen mit mehr Zeit sind weniger gehetzt, leiden weniger an Burnout und Depressionen oder Herz-Kreislauferkrankungen. Sind gesünder. Sind glücklicher.

Mehr Zeit. Acht Stunden jede Woche. Ein ganzer Arbeitstag. Ziemlich genial.

Zeit für die Kinder.

Zum Bücher schreiben.

Zum Bäume pflanzen.

Vielleicht wächst sie dann doch irgendwann auf den Bäumen, die Zeit.